Konzert

Ärzte ohne Grenzen

Berlins beste Band der Welt enthüllt beim Heimspiel die kindliche Seele des Punkrock

Ort und Zeit sind mit Bedacht gewählt. Die Wuhlheide ist ein Kinder-Freizeitpark. Dort wird der Kindertag gefeiert, und am Abend stellen sich Die Ärzte auf die Bühne und eröffnen eine Serie von sechs ausverkauften Heimspielen. Als Band feiern sie ihren 30. Geburtstag. Auch die großen Gäste gondeln mit der Schmalspurbahn um das Gelände. Aufgeregt warten sie auf die Ärzte. Bis um 20.15 Uhr ein Märchenonkel durch den roten Bühnenvorhang spricht: "Meine verehrten Damen und Herren, liebe Kinder..." Dann fängt das Spektakel an, mit einer Fangfrage: "Ist das noch Punkrock?" Als Antwort werfen sich erwachsene Menschen gegenseitig in die Luft oder werfen Unterwäsche auf die Bühne. "Was würde Campino dazu sagen?", bohrt Sänger Farin Urlaub weiter. Sind die Ärzte eine Punkband wie die Toten Hosen?

Es ist ein verwirrendes Frühjahr für den, der sich an die frühen Achtziger erinnern kann. Zunächst waren die Ärzte wieder da mit ihrem neuen Album "Auch". Die Toten Hosen folgten ihnen eilig mit "Ballast der Republik". Die Fehlfarben klagen in neuen Liedern über den sozialen Abstieg. F.S.K., die Band, singt wieder über Kunst. Der Punk der alten Bundesrepublik ist wieder da und auf dem besten Weg, den Deutschrock als Musik für alle abzulösen. Jede Band spielt dabei ihre Rolle, die sie sich historisch zugewiesen hat. Die Toten Hosen sind die kämpferischen Liedermacher. Und die Ärzte treten auf als Kindsköpfe vom Dienst.

Während sie fröhlich spielen, richten andere ihre Bühne her. Es kümmert sie nicht, dass die Bassverstärker erst nach einer halben Stunde aufgetürmt sind und die Videowände lange dunkel bleiben. Das Konzert als Work in Progress - so könnte man es sehen. Was man aber sieht, ist eine musikalische Situationskomödie. Ein absurder Liederabend, der bestritten wird von einem schweigsamen Bassisten neben zwei geschwätzigeren Rampensäuen, die in ihrer Pubertät den Punk entdeckten hatten und für sich immer noch so auslegen. Da werden fremde Schlüpfer kommentiert, die ihnen zugeflogen sind, oder Gewicht und Größe ihrer eigenen Gemächte. "FSK ab 18" steht auf ihrer Trommel. Bela B. erklärt: "Du kannst den Punkrocker aus Spandau holen, aber nicht Spandau aus dem Punkrocker."

Bereits der erste Satz, den Farin Urlaub in die Berliner Abendluft singt, spannt den Bogen von den Ärzten, die sie früher waren, zu denen, die sie noch immer sind: "Fick dich und deine Schwester!" 1987 wurde die CD "Die Ärzte" amtlich wegen eines Songs verboten, der "Geschwisterliebe" hieß. Seither wird die Band vergöttert von gefühlten 14-jährigen, die gern gefährdet wären, jedenfalls für einen Abend in der Wuhlheide. Es ist ein großer Spaß. Sogar die Rituale arten bei den Ärzten aus in Massenparodien. Die Laola-Wellen sind ein Witz.

Belafarinrod, wie sich die Troika nennt, als wäre sie ein Wesen mit drei Köpfen, geht zwar auf die 50 zu. Aber es hat sich sein ADHS bewahrt, das Drama des begabten Kindes. Man hört es in Punkschlagern wie "Langweilig" und "Sohn der Leere". Und auch große Themen wie der Rechtsradikalismus werden heruntergebrochen auf ein Wort, dass alle mit Begeisterung rufen: "Arschloch!" Wenn sie einmal angefangen haben, hören sie so schnell nicht wieder auf. Drei Stunden kaspern sie und singen, überbieten sich in infantilen Alterswitzen, und am Ende waren es so gut wie zwei Konzerte nacheinander. Dreimal füllen sie die Wuhlheide an diesem Wochenende, dreimal im August die Waldbühne. Dann werden 117.000 sie besucht haben, allein in ihrer alten Heimatstadt. Die Ärzte könnten, wie die Popstars von Las Vegas, jeden Abend den Berlinern in einem Theater ihre Klassiker darbieten. Andere Bands wären zur kulturellen Grundversorgung nicht mehr nötig. Es gibt Ironie und Zoten. Es gibt auch jede Art Musik, von Heavy Metal bis Volksmusik, und auf der Wiese vor der Bühne sämtliche Gesellschaftstänze dazu, vom Pogo bis zur Polonaise.

Und damit zurück zur Eingangsfrage: Geht das noch als Punkrock durch? Die Ärzte kündigen heute die primitiven und geschwinden Lieder an als "altmodische Punkmusik" oder "1-2-3-4-Musik". Damit hatten sie 1982 angefangen in einem besetzten Haus in Kreuzberg. Seither wird ausführlich debattiert, was Punk bedeuten könnte. Sachbücher werden verfasst. Historiker erklären Punk zum Paradigmenwechsel gegen 1968. In Museen hängen Lederjacken, Plattenhüllen und Gemälde ehemaliger Punks. Punk wird im Rückblick als Kulturrevolution gefeiert, die dafür gesorgt habe, dass heute jeder werden könne, was er will. Vom Bahnhofsschnorrer bis zum Business-Punk. "Früher warst du da, wenn eine Wanne brannte. Heute, am 1. Mai, besuchst du deine Tante", stellen Belafarinrod gelassen fest. Das heißt: Punk ist gar nicht so schwer, er wird einfach als Kinderei geschätzt wie früher. Und die Ärzte, Berlins beste Band der Welt, waren schon immer wahre Punkrocker, vielleicht die einzigen im Land. Im Ernst.

Weitere Konzerte Noch einmal heute in der Wuhlheide sowie vom 17. bis 19. August in der Waldbühne. Restkarten vor Ort aus zweiter Hand.