Kunstsache

Poesie kann auch im Kühlschrank lagern

Tim Ackermanns wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Wenn ich das Eisfach meines Kühlschranks öffne, sehe ich Tütenerbsen, Tiefkühlpizza, sogar ein paar abgelaufene Packungen mit Strudelteig. Was ich dabei nicht sehe, ist Kunst. Genau das unterscheidet mich von William Eggleston: Der US-Amerikaner, ein Pionier der künstlerischen Farbfotografie, ist dafür bekannt, dass er die besondere Poesie im Banalen entdeckt. Eines Tages hat er sich sein Eisfach vorgenommen und das wurde ein grandioses Bild: Man starrt auf Frostflocken über einem Metallkorb, in dem fragwürdige kulinarische Erfindungen wie das Fertiggericht "Bayerische Bohnen mit Spätzle" liegen. Eleganter hat niemand den Amerikanischen Traum schockgefroren. Die Hengensbach Gallery zeigt seine berühmte Fotoserie "Troubled Waters", die Anfang der Siebziger in den Südstaaten entstand.

(Bis 19. Juli, Charlottenstr. 1, Kreuzberg)

Kühle Berechnung mag auch dahinterstecken, wenn Zaha Hadid eigene Architekturentwürfe als Kunst ausstellt. Die Idee, ein fertiges Produkt in den Rang eines Kunstwerks zu heben, ist ja seit Marcel Duchamp nicht neu. Und im Falle von Hadid sieht das nach willkommener Zweitverwertung aus. In gewisser Weise ist die irakische Architektin aber entschuldigt, weil ihr Werk jahrzehntelang ohnehin nur auf dem Papier, als Idee, als Kunst existierte. Als Hadid ihr erstes Gebäude realisierte, war sie Mitte 40. Ihre "Silver paintings", die nun in der Buchmann Galerie hängen, wirken so außerirdisch wie die Gebäude, die sie für Länder wie Kasachstan oder Libyen plant. Fast noch schöner fand ich die "Dot Paintings": eine Art bösartige Op-Art, bei der das Punktraster die Augen so sehr in Unruhe versetzen, dass sie die Bildoberfläche nicht in den Griff kriegen. Bei Preisen ab 65.000 Euro ist diese Wahrnehmungsveränderung leider nicht mehr billig.

(Bis 23. Juni, Charlottenstr. 13, Kreuzberg)

Der dritte Künstler mit gedrosselter Betriebstemperatur, den ich mir anschaute, ist Qui Shihua. Wobei: Die Malerei des chinesischen Künstlers kann man nicht einfach ansehen. Man muss sie entdecken. Auf den ersten Blick schienen die Leinwände mit einem monochromen Weiß bedeckt, hier und dort von leichten Schatten oder Flecken unterbrochen. Spuren der Alterung, so nahm ich an. Nach längerem Starren und öfterem Hin- und Hergehen schälten sich jedoch erkennbare Details heraus. Eine Wiese. Oder ein paar Bäume. Qui malt nun keine Landschaften. Er malt das Verschwinden der Landschaft aus der Wahrnehmung des Betrachters. Begleitend zu Quis Ausstellung im Hamburger Bahnhof zeigt die Galerie Luis Campana seit Freitag eine Reihe wunderbarer Ölbilder aus den letzten zehn Jahren.

(Bis 24. August, Axel-Springer-Str. 43, Kreuzberg)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien