Rainer Werner Fassbinder

Ein Leben ohne Maß und voller Skandale

Erst 30 Jahre nach seinem Tod erscheinen erste Biographien über Rainer Werner Fassbinder

Wäre er noch am Leben, er hätte gestern seinen 67. Geburtstag gefeiert. Er wäre bei all seiner Maßlosigkeit wohl eine einzige teigige Masse. Und er würde in keiner Talkshow fehlen, denn mediengeil war er immer. Aber selbst wenn Rainer Werner Fassbinder an jenem 10. Juni 1982 nur seine übliche verschnittene Menge Kokain eingenommen hätte und nicht die pure Überdosis - er wäre wohl nicht wesentlich älter als 37 geworden.

Zeitlebens schon hat er mit einem frühen Tod kokettiert. Zu sehr hat er Raubbau an seinem eigenen Körper betrieben, hat er exzessiv Drogen und Barbiturate genommen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre er an Aids erkrankt wie so viele aus der Fassbinder-Clique: sein langjähriger Geliebter Peter war der erste registrierte Aids-Kranke in Deutschland. So aber kommt zu dem Ausnahmetalent Fassbinder, der zum Synonym für den Neuen Deutschen Film wurde, und der unglaublichen Schnelligkeit, in der er einen Film nach dem anderen drehte (41 in 13 Jahren), auch noch dieser Mythos um den allzu frühen Tod hinzu.

Es hat indes drei Dekaden gebraucht, bis die ersten "neutralen" Biographien erscheinen. Bislang gab es Aufsatzartikel, Interviewsammlungen, Bücher über das filmische Werk, alles aber, was die Person RWF anging, stammte bislang aus der Fassbinder-Clique selbst - und war dementsprechend Eloge oder gnadenlose Abrechnung. Zum 30. Todestag aber erscheinen nun gleich zwei Biographien: das schmale Bändchen "Rainer Werner Fassbinder" von Michael Töteberg (rororo, 160 S., 8,99 Euro) und das umfassende Werk "Ein Tag ist ein Jahr ist ein Leben" von Jürgen Trimborn (Propyläen Verlag, 464 S., 22,90 Euro). Letzterer hat aufwändig recherchiert, hat mit zahllosen Weggefährten gesprochen und auch ganz vertrauliche Quellen aufgetan. Doch ganz bewusst hält er sich aus aller Deutungshoheitsstreiterei heraus. Er listet Fakten auf und überlässt es dem Leser, sich selbst sein Bild entwickeln.

Letztlich ist Fassbinders Leben genau das, was seine Filme waren: exemplarisch für die alte, Bonner Bundesrepublik (die nur neun Jahre länger währte). Und es bietet in der Tat zahllose Interpretationsangebote. Da ist das ungeliebte Kind, das die Mutter nicht gebären und nicht aufziehen wollte. Da ist die frühe Flucht ins Kino (schon als Achtjähriger!), ist das Milieu von Strichern und Prostituierten, in dem er aufwuchs und dem er, wenn man so will, treu geblieben ist. Da sind frühe Depressionen und ein sehr frühes Coming-Out als Schwuler. Immer wieder litt Fassbinder darunter, ein Außenseiter zu sein, und stand umso stolzer dazu, es zu sein. Und man mag sich selbst seinen Reim darauf machen, warum er später seine Truppe wie ein misslauniger Zirkusdirektor mit Zuckerbrot und Peitsche, mit Bevorzugungen und Schmähungen durch die Arena peitschte.

All die sadomasochistischen Seelenspielchen und Sexgeschichten, all die Abstürze und Zusammenbrüche, die tatsächlichen und die doch nur hochgespielten Skandälchen, mit der RWF die Republik erschütterte: Trimborn listet sie sachlich-distanziert auf und spart sich jede vorschnelle Interpretation.

Lediglich eine Episode gewinnt hier wirklich fatalistische Bedeutung: Die kurze Zeit, in der Fassbinder in Frankfurt die Intendanz des Theaters am Turm übernahm, wofür er kurzfristig gefeiert und dann langfristig geschmäht wurde. Und die Art, in der sein Beitrag zum Frankfurter Immobilienskandal, das Theaterstück "Der Müll, die Stadt und der Tod" bis lange nach seinem Tod unmöglich gemacht wurde. Da war Fassbinder plötzlich ein Antisemit, ein linker Faschist, der Buhmann der Nation. In dieser Zeit hat er ernsthaft überlegt, Deutschland zu verlassen und in Amerika zu drehen; in diese Zeit fallen auch seine ersten Drogenerfahrungen. Nach diesem Trauma war er ein anderer.

Es ist absurd: Im Ausland wird RWF noch immer als bedeutendster deutscher Filmregisseur verehrt, in Deutschland dagegen wird er kaum noch wahrgenommen. Vielleicht ist der 30. Todestag ein Anlass, ihn wieder neu zu entdecken.