Konzerte

Triumph der Dinosaurier

Die Woche der alten Rockstars: Bruce Springsteen, Herbert Grönemeyer und Die Ärzte treten nacheinander in Berlin auf. Sie sind super drauf

"Crisis, What Crisis?" fragten Supertramp 1975 zwischen Ölkrisen und Gipfeltreffen in Camp David. Sarkasmus dieser Art wäre heute das Gebot der Stunde, doch die internationale Entertainment-Industrie hat auf ewige Jugend umgestellt: Endlich bildet die Rockmusik ihre eigene Klassik, die Rolling Stones werden 50, McCartney wird 70 und mit Leonard Cohen dreht der erste kregle Greis der populären Songkunst seine Runden. In Berlin sind diese Woche gleich drei solcher Dinosaurier zu sehen. Und obwohl jeder von ihnen ein Monatshighlight im Konzertkalender wäre, werden sie jetzt ohne Pause hintereinander weg gezündet. Da wird dem Konzertbesucher einiges abverlangt. Aber die Woche wird damit auch eine voller Gedenkabende für das Jahr 1984, wenn gleich drei Künstler (respektive Bands) auftreten, die alle mit Pop-sozialisierten Generationen verbinden, obwohl sie gar nichts eint.

Den Anfang macht heute Bruce Springsteen (62), der mit eiserner Faust den Niedergang seines Heimatlandes beklagt - nicht viel anders, bloß bitterer noch als 1984. In Songs wie "Born In the U.S.A." und "My Hometown" beschrieb er die USA der Reaganomics als ein geschichtsvergessenes, herzloses Monstrum, indem Vietnam-Veteranen und ehrliche Bürger keine Arbeit mehr finden, die Geschäfte schließen und die Kleinstädte veröden.

Eine Protestplatte aufgenommen

Wer damals jung war, der hatte wahrscheinlich noch nie ein Protestlied außerhalb von Vaters Plattensammlung gehört. Springsteen hatte ein Protestalbum aufgenommen, die Amerika verherrlichte und zugleich kritisierte. So etwas gab es nur in Amerika! Mit der Baseball-Kappe in der Gesäßtasche kämpfte der Proletariersohn für den Stolz der arbeitenden Klasse und verkaufte 17 Millionen Platten von "Born In The U.S.A.".

Ein 35-jähriger Songschreiber aus New Jersey wurde der beste Kumpel aller Halbwüchsigen, die sich nach Freiheit (von der Schule) sehnten und der Traummann aller Sandys und Wendys, die in einem alten Buick in die Freiheit (von allen Zwängen) brausen wollten. Sein Kollege Randy Newman sagte später: Bruce Springsteen gelingt es, dass die Menschen sich gut fühlen. Das ist eine seltene und kostbare Gabe.

Doch sein Amerika ist ausgeträumt. Auf dem neuen Album "Wrecking Ball" taucht "The Boss" Springsteen in die Folklore, beschwört den Geist der Verfassung und beklagt das Treiben von Viehdieben und Finanzbaronen und die Desintegration der Gesellschaft. Die Sozialkritik des Sängers wurde schon immer in Europa bejubelt, während viele Amerikaner nur den Empathiker lieben, der in einem Hochamt den Mythos des Rock'n'Roll feiert. Anderseits führt er mit grimmigem Gestus sein Land als Abraumhalde vor, das "Land Of Hope And Dreams", das er in einem zehn Jahre alten Stück besingt. Schon 1984 wusste er, dass dereinst nur die Erinnerung an "Glory Days" bleiben würde.

Im selben Jahr lief im deutschen Radio Herbert Grönemeyers Song "Männer", und das Album "Bochum" beschwor die Heimat, "vor Arbeit ganz grau". Friedensbewegt raunzte der semmelblonde Charismatiker gegen die Hybris von "Amerika" und blökte den Ausnahmezustand herbei: "Jetzt oder nie". Damals hatte Grönemeyer sogar Humor und beschrieb in "Mambo" die Leiden des Autofahrers auf der Suche nach einem Parkplatz.

Seitdem liest er den Deutschen alle drei Jahre zuverlässig die Leviten, überlebte familiäre Tragödien, sah seine Kinder gedeihen, gründete ein Platten-Label, zog nach London und wieder zurück, bewältigte mit "Mensch" die Flutkatastrophe 2002, musizierte mit Bono gegen G8, ist außerparlamentarische Opposition und Ombudsmann, sieht immerzu Gefahr von rechts und das Land auf den Abgrund zustürzen. Er verliert die Haare, aber nie die Haltung. Raubauzig haut er auf die Klaviatur, singt mit dem New Yorker Kult-Hermaphroditen Antony auf Englisch und bleibt der nörgelnde Launebär, der deutscheste von allen. Auf der jüngsten Platte "Schiffsverkehr", schon im letzten Jahr erschienen, verbindet der 56-Jährige seine schlotzigen Balladen mit der Warnung vor Stillstand und Missmut, und im schönsten Lied formuliert er seinen Durchhaltewillen in holperigem Deutsch: "Lass es uns nicht regnen".

Die Berliner Punkrock-Band Die Ärzte nannte ihre erste Klamauk-Platte 1984 "...uns geht's prima", und seitdem haben sie nicht aufgehört, sich prima zu fühlen. Noch im selben Jahr brachte das Album "Debil" einige bizarr-frivole Gassenhauer, die kein ehedem Jugendlicher je vergessen wird: "Paule heißt er, ist Bademeister ..." Nur zwischen 1989 und 1993 hatten sich die Männer getrennt und waren so erfolglos wie die meisten Musiker, aber die Wiedervereinigung brachte sofort neue Erfolge. Während andere Punk-Adepten wie die Toten Hosen staatstragend wurden, hielten Die Ärzte stoisch am Blödeln fest und verweigerten sich jedem Sinn. Dabei ist Trommler Bela B. ein geschmackssicherer Connaisseur der Songs von Lee Hazlewood aus den 60er-Jahren, liebt aber auch Comics und Zombie-Filme. Mit bald 50 wirkt er wie noch immer wie der freche Bursche aus Spandau, der einst im dortigen Ballsaal Die Ärzte gründete. Seit 1993 besteht die Band aus Frontmann Farin Urlaub, Bela B. und Rodrigo González.

Nostalgie ist angesagt

Weil sie sich nicht vor jeden medialen Karren spannen lassen, ist der etwas infantile Schabernack des Trios frisch geblieben. Das neue Album "auch" ist eine bewundernswert alberne Revue gereimten Unfugs zu zünftigen Rockabilly- und Rock'n'Roll-Gassenhauern. Aber vielleicht ist den dürftigen Zeiten auch nur so beizukommen: indem man sie ignoriert. Oder indem man an frühere, ebenfalls dürftige Zeiten erinnert. Alles Nostalgie. Immerhin: Die schwarzen Visionen aus Orwells "1984" trafen damals nicht ein. Und sein "Big Brother" war ein Bruder Leichtfuß gegenüber dem Facebook.

Bruce Springsteen Olympiastadion, heute um 19,30 Uhr

Herbert Grönemeyer Waldbühne, morgen um 19 Uhr

Die Ärzte Kindl-Bühne Wuhlheide, 1.-3.6. um 19,30 Uhr - alles ausverkauft