Interview

"Ich bin bereit, alles zu zeigen"

Exhibitionismus gehört zum Schauspieler dazu. Defizite muss er auch haben. Das jedenfalls findet Lars Eidinger. Wir haben ihn getroffen

Eigentlich gibt es zwei Lars Eidingers. Den Theaterschauspieler, der sich abends an der Schaubühne verausgabt. Und den Filmschauspieler, der seit dem Berlinale-Film "Alle anderen" so was wie den neuen Mann Mitte 30 verkörpert. Keine Frage: Der Bühnen-Eidinger kommt dem privaten näher. Und den darf er jetzt auch mal im Kino geben: In "Tabu", der morgen startet, spielt er den Dichter Georg Trakl, der sich nicht nur in seinem Geniewahn, sondern auch in der inzestuösen Liebe zu seiner Schwester verzehrt. Peter Zander hat den 36-Jährigen gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Mal ehrlich, Herr Eidinger, haben Sie je ein Gedicht von Georg Trakl gelesen?

Lars Eidinger:

Doch, in der Schule. Aber ich kann mich nicht mehr so recht dran erinnern. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass ich ein sonderliches Interesse dafür entwickelt hätte.

Man weiß von Trakl fast mehr über seine inzestuöse Liebe als über seine Lyrik.

Darauf spekuliert wohl auch der Film. Wobei: Gerade daran kann ich mich gar nicht erinnern. Das hat der Deutschlehrer wohl tunlichst verschwiegen. Davon reden zwar alle, es ist aber reine Spekulation. Der Film lehnt sich da schon weit raus.

Was war denn Ihre erste Reaktion auf das Angebot, Trakl zu spielen?

Ich musste erst mal googeln, wer das gleich wieder war. Aber dann war ich ziemlich schnell sehr begeistert, weil die Rolle so extrem ist.

Sie spielen im Film ja eher den klassischen Mittdreißiger. Das ist irgendwie ein Missverständnis; das sind zumindest ganz andere Rollen als Ihre extremen Bühnenpartien.

Es ist total schmeichelhaft, dass man mich durch "Alle anderen" oder "Was bleibt" so als Prototypen meiner Generation sieht. Weil das ja nur bestätigt, dass man da einen Nerv der Zeit trifft. Ich kriege jetzt auch ganz viele Drehbücher, wo ich eigentlich wieder die gleiche Rolle spielen soll. Aber man spielt da immer Alltag nach. Bei "Tabu" dachte ich, der bietet mal mehr, der ist abgründiger und extremer. Darauf habe ich in der Tat viel mehr Lust, das kenn ich vom Theater und das vermisse ich immer ein wenig beim Film. Das macht ja auch Spaß: die andere Disziplin zu spielen. Trotzdem spiele ich lieber den Hamlet. Ich habe da auch ein Ventil gefunden, in dem ich extrem expressiv sein kann. Sonst empfinde ich mich ja eher als einer, der ausgeglichen wirkt. Fast schon phlegmatisch. Wo man sich dann vielleicht wundert, wenn man mich auf der Bühne sieht, wo diese Energie her kommt.

Die Sexszenen im "Trakt" sind ziemlich heftig. Auch auf der Bühne entblößen Sie sich regelmäßig. Sind Sie Exhibitionist?

Na, auf der Bühne habe ich es jetzt schon länger nicht mehr gemacht. Ich habe auch einen extremen Widerstand, mich nackt zu zeigen. Aber das hat der Exhibitionist vielleicht auch. Der zieht ja auch den Reiz daraus, dass er etwas macht, was ein Tabu ist. Vielleicht kann man das schon etwas vergleichen. Ich verspüre da so einen Kitzel. Eine Zeit lang, ja, habe ich das einfach genossen. Und mal ehrlich: Wenn man so einen Film macht, wo es um Sex geht und um Körperlichkeit, da kommt man schwer drum rum. Und ich wäre da auch der letzte, der sich verweigern würde. Ich bin zu allen Extremen bereit, wenn's der Sache dient. Da stelle ich auch mein privates Schamgefühl zurück. Mir fiele jetzt spontan nichts ein, von dem ich sagen würde, das mach ich jetzt nicht vor der Kamera.

Was ist denn schwerer darzustellen, physische oder psychische Nacktheit?

Ich finde es manchmal in der Tat viel schwerer, mich emotional zu öffnen als die Hose runterzulassen. Wenn du etwa weinen sollst, auf der Bühne oder vor der Kamera, gibt es immer einen Punkt, wo der Körper sagt, mach's nicht. Und man muss dauernd Wege finden, wie man seinen Körper überlistet. Wenn du 150-mal Hamlet spielst, nutzen sich die Zugänge auch schnell ab, da musst du immer wieder was anderes finden. Das ist extrem fordernd.

Wird man so eine Rolle einfach wieder los - oder steckt die weiter in einem drin?

Zum ersten Mal hatte ich große Schwierigkeiten, wieder in den Alltag zurückzufinden. Auch weil ich mich da richtig verloren habe. Wenn man das jeden Tag spielt und sich da hineinversetzt, dann macht das was mit einem. Davon kann man sich leider nicht frei machen. Die erste Woche danach zuhause war dann echt schwer.

Gibt es da einen Durchschnittswert, wie lang man braucht, um Rollen abzulegen?

Eigentlich habe ich damit überhaupt kein Problem. Behaupte ich zumindest immer. Wobei ich mal ein Interview fürs Fernsehen gemacht habe unmittelbar nach einer Vorstellung. Und als ich das später geguckt habe, habe ich gemerkt, dass ich immer noch wie Hamlet gesprochen habe.

Sie drehen morgens und stehen abends auf der Bühne. Wie schafft man das?

Mir fällt das nur schwer, wenn die Rollen so gar nichts miteinander zu tun haben. Was von Trakl in Hamlet eingeflossen ist, war eher interessant. Aber jetzt habe ich gerade einen Fernsehfilm gemacht, da spiele ich einen Familienvater. Und so was steht mir manchmal echt im Weg, wenn ich abends den Hamlet spiele. Da wehrt sich die Figur etwas dagegen.

Woher nehmen Sie Ihre Kraft?

Schwer zu sagen. In der Vorbereitung zu einem der ersten Stücke, die ich an der Schaubühne gemacht habe, haben wir uns mit Ex-Heroinjunkies getroffen. Die haben mir gesagt, das Gefühl, wenn du das erste Mal Heroin spritzt, das kriegst du nie wieder. Aber der Rausch ist so groß, dass du es immer wieder haben willst. Das löst die Sucht erst aus. So einen Zustand herbeizusehnen, das ist beim Spielen irgendwie auch so. Ich hatte schon so extreme Situationen auf der Bühne, die haben mich so in Euphorie, in einen Rausch versetzt, dass ich dem immer nacheifere. Ich sage auch immer, jemand, der ausgeglichen und mit sich selbst im Reinen ist, der muss nicht Schauspieler werden.

Ist das Ihr Fazit: Alle Schauspieler haben Defizite?

Nein, mein Fazit ist: Alle Menschen haben Defizite. Aber der Schauspieler hat einen Weg gefunden, das zu ventilieren und dafür noch Bestätigung zu kriegen. Es gibt ja auch Schauspieler, die behaupten, das Publikum sei ihnen egal. Das ist reine Koketterie. Oder Dummheit. Ich jedenfalls empfinde mich in einer totalen Abhängigkeit zum Publikum. Ich will denen gefallen. Nicht so, dass dir am Ende einer auf die Schulter klopft. Darum geht es nicht. Sondern so, dass du auf der Bühne merkst, du nimmst die Leute mit; es geht um kollektive Bewusstmachung. Das hat was Gemeinschaftliches, eigentlich was Sakrales.