Neues Gedicht

Grass und seine Fälscher

Verwirrung im Internet: Eine Zeitungssatire behauptet, das Gedicht sei ein Fake. Viele glauben das

Dass Günter Grass daheim an seinem Schreibtisch sitzt und Gedichte aufschreibt, ist für viele schon eine erschreckende Realität. Was aber, wenn es gar keine Geistesergüsse unseres Literaturnobelpreisträgers sind? Eine solche Behauptung sorgte in den letzten Tagen für Verwirrung und Schenkelklopfer: Per Twitter verbreitete sich die Nachricht, dass das neue, wieder weihevoll veröffentliche Gedicht von Grass eigentlich eine Fälschung durch die Satirezeitung "Titanic" sei. Und dann wurde die Sau munter durchs virtuelle Dorf getrieben. Aber die ganze Geschichte stinkt irgendwie auch.

Grass hatte nach seinem Israel-feindlichen Polit-Poesie-Debüt "Was gesagt werden muss" am vergangenen Freitag in der "Süddeutschen Zeitung" ein neues Statement abgegeben. Diesmal macht er sich Sorgen um die Griechen. In "Europas Schande" will er kritisieren, wie Europas Mächtige mit dem Schuldenstaat Griechenland umgehen. "Als Schuldner nackt an den Pranger gestellt". Beiläufig erfährt man auch, dass der junge SS-Mann Grass wohl Hölderlin im Gepäck mit ins Feindesland schleppte. "Die mit der Waffen Gewalt das inselgesegnete Land heimgesucht, trugen zur Uniform Hölderlin im Tornister." So waren die Deutschen also schon immer, kulturvoll einmarschierend. Ob mit Hölderlin oder mit Euro-Milliarden. Aber so richtig ernsthaft will sich diesmal keiner auf Grass' Gedicht einlassen. In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" versuchte Volker Weidermann den satirischen Erstschlag und griff dazu in die Trickkiste, denn das kokette Spiel mit der "Titanic" druckt sich immer gut weg. Aber er ahnte nicht, was er damit im Internet auslöst, denn Ironie ist nicht jedermanns Sache. Jetzt ist das Missverständnis als virtuelles Gerücht unterwegs und hat etwas intellektuell Geschäftsschädigendes. Bei Twitter fanden die Nachricht viele großartig, andere blieben misstrauisch. Einer brachte es auf den Punkt: "Allein die Tatsache, dass der ,Titanic' dieser Grass Stunt locker zugetraut wird, sagte schon viel aus über Deutschlands Großintellektuelle."

Die "Süddeutsche" hat längst dementiert: Grass war's. So einfach möchte man sich seinen prominentesten Zeitungsschreiber nicht wegtwittern lassen. "FAS"-Konkurrent Weidermann dagegen will sich weder entschuldigen, noch seinen Beitrag wirklich als Satire verstanden wissen: "Günter Grass wird es immer weiter treiben mit der Absurdität seiner Selbstgewissheit und das ist dann genauso lustig, wie wenn es die ,Titanic' schreibt."

Es gibt wieder einmal Aufregung um den Literaturnobelpreisträger, auch, wenn der diesmal wirklich wenig dafür kann. Möglicherweise schreibt er gerade an seinem Gedichtband, ein Gedicht über das Urheberrecht zum Beispiel wäre gegenwärtig gar nicht schlecht. Das Internet kann so grausam, so gebildet wie ungebildet sein. Irgendwann, ist zu erwarten, wird jemand im weltweiten Gewebe die völlig unpoetische Frage stellen: Gibt es diesen Grass denn wirklich?