Kunst

Erlös von 13 Millionen Euro erwartet

In den Frühjahrsauktionen der Villa Grisebach überwiegt erstmals die Moderne nach 1945

"La Abuelita", das Großmütterchen, ist der Titel eines der Spitzenlose, das die Villa Grisebach auf ihrer diesjährigen Frühjahrsauktion kommenden Donnerstag in den "Ausgewählten Werken" zum Verkauf anbietet. Überlebensgroß ragt die alte Dame in den Bildraum und schaut uns mit verkniffenen Mund streng an. Mit liebevollen Details hat der kolumbianische Maler Fernando Botero sie ausgestattet. 1969, als die zeitgenössische Kunst sich eher zwischen Abstraktion und Pop Art einpendelte, pflegte der in New York lebende Südamerikaner konsequent seine seit Ende der fünfziger Jahre entwickelte naiv-figürliche Malerei mit eher traditionellen Motiven und schuf seine unverwechselbaren Porträts.

Der Schätzwert für das Gemälde liegt bei 300.000 bis 400.000 Euro, in einer Preisklasse, die symptomatisch ist für die Frühjahrsauktion in diesem Jahr: Hochrangige und umsatzträchtige Spitzenlose der klassischen Moderne fehlen. Die exklusive Abendauktion fällt mit nur an die 60 Losnummern spärlicher aus als sonst, zudem ist fast die Hälfte der Werke nach 1945 entstanden, eine Schwerpunktverschiebung in dem sonst auf Klassische Moderne spezialisierten Angebot des Hauses. Sonderkataloge und Millionentaxen gibt es diesmal auch nicht. Tatsächlich wird zurzeit insgesamt wenig eingeliefert, die Sammler wollen ihr Geld zwar anlegen, sich jedoch nicht von Werken trennen. Insofern wird das Frühjahr für deutsche Auktionshäuser wohl eher mau ausfallen. Insgesamt konzentriert sich der Handel ohnehin auf die USA und Großbritannien und zunehmend auch auf China als neuem Marktführer, während Deutschland auf Platz sechs rangiert.

Dennoch erwartet sich die Villa Grisebach mit dem Verkauf von über 1000 Kunstwerken in sechs Versteigerungen zwischen 30. Mai und 2. Juni einen Erlös von an die 13 Millionen Euro. Angeboten werden Werke aus der Zeit von 1821 bis 2011. In der Abendauktion gehören Gabriele Münters Ölgemälde "Am Starnberger See" von 1908 mit einer Taxe von 300.000 bis 400.000 Euro, Lovis Corinths "Fräulein Heck" im Ruderboot von 1897 mit 200.000 bis 300.000 Euro und Ernst Wilhelm Nays Komposition "Furioso" von 1963 mit 250.000-350.000 Euro zu den Spitzenlosen. Neben Werken der Brücke-Künstler Erich Heckel , Karl Schmidt-Rottluff und Ernst Ludwig Kirchner sind Gemälde des Worpsweder Künstlerpaares Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn vertreten. Mit dabei sind wieder einige schöne Stadtansichten von Lesser Ury. Berlin ist auch der Gegenstand von Werner Heldts Ölbild "Berlin am Meer", mit dem er sich 1948 aus der nach dem Krieg in Trümmern liegenden Metropole an die See träumte (50.000 bis 70.000 Euro). Erwähnenswert ist außerdem eine Kaltnadelradierung von Edvard Munch von 1894 mit dem Titel "Trost" (30.000 bis 40.000 Euro).

Für einen Schätzwert von 150.000 bis 200.000 Euro wird als hochpreisige Fotographie Thomas Struths "San Zaccaria, Venedig" (1995) angeboten, ungewöhnlicherweise in der Abendauktion. Damit fehlt sie als Schwergewicht in der Abteilung Fotographie, die allerdings mit zwar nicht gleichermaßen hoch taxierten, dafür aber begehrten Arbeiten von Massimo Vitali, Rineke Dijkstra, Thomas Ruff und Martin Parr sowie einer Kassette mit Silbergelatineabzügen von "Industriebauten" von Bernd und Hilla Becher von 1968 (15.000 bis 20.000 Euro) aufwartet.

Unter den Klassikern stechen Man Rays signiertes Picasso-Porträt aus dem Jahr 1933 (15.000 bis 25.000 Euro) und das berühmte Bildnis der schrillen alten Dame hervor, das Lisette Model 1949 in San Francisco photographierte, das Grisebach auf 3000 bis 4000 Euro taxiert. Das Hauptlos der immer stärker werdenden Abteilung des 19. Jahrhunderts ist die 1821/22 entstandene Fischerszene im Golf von Neapel des Malers Franz Ludwig Catel (120.000 bis 150.000 Euro, außerdem ragen heraus Friedrich Nerlys "'Haus der Desdemona' in Venedig" (1855) (80.000 bis 90.000 Euro) und ein paar Menzelzeichnungen heraus.