Bühne

Sasha Waltz lässt vier Schulklassen die Carmen spielen

Letztes Tanzprojekt der Philharmoniker in der Arena

"Don José ist ein spontaner junger Mann und sterbensverknallt in die Carmen", erklärt Lukas, 14. "So doll, dass er dafür sogar tötet. Das find ich persönlich ein bisschen krass, aber ist ja nur ein Stück." Lukas von der Caspar-David-Friedrich-Oberschule in Hellersdorf ist einer der Jüngsten im zehnten und vorerst letzten Tanzprojekt der Berliner Philharmoniker. Sasha Waltz hat mit vier Schulklassen und Jugendlichen aus vier Tanzschulen eine Choreographie zur Carmen-Suite des russischen Komponisten Rodion Schtschedrin erarbeitet. Sie holt die Handlung in die Gegenwart der Schüler. Auf die Straße oder den Schulhof verlegt sie die Szene, einziges aufwändiges Requisit ist ein BVG-Bus, mit dem zu Beginn getreu dem Opernstoff Mädchen aus der Provinz ankommen und dem auch Sir Simon Rattle entsteigt. Er geht die paar Schritte auf die Streichergruppe der Berliner Philharmoniker zu und hebt den Taktstock, auch die beiden Schlagzeuger machen sich bereit, die an diesem rhythmusorientierten Abend gehörig ins Schwitzen geraten.

Die Kostüme sind im besten Sinne unauffällig, es wirkt, als hätten die tanzenden Jugendlichen sich im Schrank der Eltern bedient. Die meisten Jungs tragen offene graue Hemden zu Jeans und Turnschuhen, die Mädchen übergroße grelle Petticoats mit farbigen Leggings. Etwas Silbernes haben alle an, die Carmen darstellen oder zumindest Charakterzüge der freiheitsliebenden Zigeunerin verkörpern. Ihre Pendants, die sich dem Stierkämpfer Escamillo ähnlich fühlen, tragen Glitzerhemden. Daneben gibt es Don Josés und Micaëlas, zurückhaltend und nachdenklich, aber für Momente ganz im Scheinwerferlicht.

Mädels kreischen, Jungens prügeln

Die Handlung findet häufig in vier oder acht Gruppen statt - von jedem Zuschauerplatz in der ausverkauften Halle erlebt man jedes Detail. Nicht synchron, aber zeitgleich. Die schönsten Szenen: Die Pause der Arbeiterinnen in der Zigarettenfabrik, auf mancher Opernbühne ein unmotiviertes Herumgestehe; in der Arena Treptow kreischen die Mädels schon von außen, bevor sie, geballte Lebensfreude, durch ein Stahltor in den Saal drängen. Oder später, im Original bei Lillias Pastia: Die Rolläden der Kiosktresen in der Arena hochgezogen, wird der Bühnenrand plötzlich zum Schauplatz der Kneipenschlägerei, gleich verdreifacht. Sasha Waltz versteht es, die Facetten des einzelnen jungen Tänzers hervorzuheben und die Gruppenenergie stets im Fluss zu halten. Ungestümes, Kompromissloses nimmt sie an und verwandelt es in Dynamik. Jeder der Teilnehmer findet sich bestätigt, geht an seine Grenzen.

Die körperliche und die inhaltliche Erfahrung dieser Carmen werden für die Jugendlichen unvergesslich sein, das bestätigen hinter der Bühne alle. Der Zauber der Livemusik ist aber nur zweitrangig. So ist es zu bedauern, dass das Education-Programm der Berliner Philharmoniker im nächsten Jahr Tanz nicht mehr aufnimmt. Doch vielleicht kann der große Trumpf des gemeinsamen Musizierens mit dem künftigen Chorsingprojekt für Kinder einfach stärker wirken.