Kunstsache

Schöner Wohnen, aber alles aus Stein

Tim Ackermanns wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Als ich vor ein paar Tagen die Galerie Christian Ehrentraut besuchte, war ich für einen Moment wirklich verblüfft: Es schien mir, als wäre ich geradewegs in einen "Schöner Wohnen"-Katalog hineinspaziert. An der Wand stand ein altmodischer Holzschemel, in der Ecke ein Sockel mit karierter Decke, wie in einem italienischen Restaurant. Darauf war dekorativ eine Glasskulptur platziert. An der Wand gegenüber hing ein blaues Regalbrett mit einer Flasche Milch darauf. Es brauchte einen Moment, bis ich erkannte, dass an diesem Arrangement etwas nicht stimmte: Hauchfeine Äderchen zeichneten sich auf Milch und Glasflasche ab - wie bei einem Stein. Die Flasche war vollständig aus Alabaster und darauf hatte der Künstler Andreas Blank einen grauen Verschluss geschraubt, ebenfalls aus Stein gefertigt. Das Prinzip erinnert an die lebensechten Papiermodellfotos von Thomas Demand: Die Realität wirkt umso realer, je künstlicher sie geschaffen wird. Regalbrett, Flasche, Decke, Schemel - alles ist aus kostbarem Stein. Sogar die monochrom weißen Gemälde, die der Künstler an die Galeriewand gehängt hat, sind aus Marmor; ihre Rahmen aus Onyx. Die Arbeiten waren handwerklich perfekt und wirkten fast ein bisschen magisch. Blanks versteinerte Welt ist die erste Einzelausstellung des jungen Künstlers in einer Galerie. Ich gehe jede Wette ein, dass es nicht seine letzte gewesen ist.

Bis 23. Juni, Friedrichstr. 123, Mitte

Drei ebenfalls noch kaum bekannte oder schon wieder halb vergesse Künstler sind gerade auch bei Aurel Scheibler zu sehen. Manche Besucher kommen schon allein wegen Leon Golub: Der 2004 verstorbene amerikanische Maler gehörte zu den Hauptvertretern eines linkspolitisch motivierten Realismus - eine Art Jörg Immendorff der USA also. Scheibler zeigt nun späte Zeichnungen von Golub. Vor allem Akte und Hunde sind zu sehen, aber immer scheint es auch um gesellschaftliche Fragestellungen zu gehen. Wenn etwa ein grimmiger weißer Wolf unter blauem Himmel über eine rote Ebene läuft, erinnert die Farbwahl nicht zufällig an die Flagge der USA. In einem Nachbarraum hängen großformatige Zeichnungen des jungen deutschen Künstlers Michael Wutz, die Golubs Ansatz nicht unpassend ergänzen: Wutz' entwirft Landschaften, in deren Nischen und Höhlen unzählige Knochen und Skelette begraben sind. Diese überdimensionieren Vanitas-Klopper haben dank der ornamentalen Fragilität ihrer Binnenzeichnung etwas Manisches. Die Arbeiten in dritten Raum von David Schutter - der abstrakte Bilder auf der Vorlage von Manet-Gemälden schafft - bleiben dagegen etwas blass.

Bis 23. Juni, Charlottenstr. 2, Kreuzberg

Wem nun der Sinn noch nach bekannten Namen wie Auguste Rodin oder Damien Hirst steht, sollte unbedingt die Side by Side Gallery aufsuchen. Kunsthändler Akim Monet hat mit sorgsam kuratierten Themenausstellungen mittlerweile eine Nische besetzt. Seine aktuelle Schau "The Sacred Heart" stellt die Gretchenfrage: "Wie hältst Du's mit der Religion?" Andres Serranos Fotografien von Bischofsstäben und unbequemen Kirchenstühlen erzählen unterschwellig von den Machtverhältnissen, die der Glaube weiter aufrecht erhält. Eine venezianische Pietà aus dem 14. Jahrhundert mit Goldblatthintergrund fordert dagegen zu stiller Nachdenklichkeit heraus, während eine Herzskulptur von Damien Hirst, mit Akupunkturnadeln und Rasierklingen gespickt, die barocke Seite der Kirche betont. Und dann gibt es Rodins kleine Bronze einer Faunin, die sich vor Lachen über den ganzen Quatsch schüttelt. Mehr Geschichten in eine einzige Ausstellung zu packen geht einfach nicht.

Bis 28. Juli, Potsdamer Str.81b, Schöneberg

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien