Cannes

Die Rückkehr des Autokinos

Endspurt in Cannes: Die Amerikaner enttäuschen und die Telekom wirbt mit einem bizarren Mitmach-Projekt

Reden wir über Stretchlimousinen. Unendlich lange Verkehrshindernisse, die dieses Jahr nicht nur auf den Straßen von Cannes umherkutschieren, sondern auch auf den Leinwänden. Robert Pattinson verbringt fast die gesamte Don-DeLillo-Verfilmung von "Cosmopolis" in einer solchen, ein sagenhaft reicher Junge, der von dort seine Geschäfte steuert und seine Gespielinnen empfängt. Vor dem Autofenster toben die Proteste gegen das Cybergeld, mit dem er spielt.

Das Problem von David Cronenbergs Verfilmung ist nicht, dass sie zu wenige Ideen hätte, im Gegenteil. Sie bekommt DeLillos Gedankenfluss nicht in den Griff. Das Buch kann man beiseite legen, um einen Satz zu reflektieren, im Film wird man von Theorie zu Theorie überrollt. Die Stretchlimo als Laboratorium einer neuen Technologie-Elite, die der Menschheit aber nichts anzubieten hat. Auch die Stretchlimo in "Holy Motors" ist ein Labor, aber das eines einzigen Mannes, des Filmemachers Leos Carax, der Denis Lavant in immer neue Verkleidungen steckt, um Stationen seines Lebens wiederaufleben zu lassen. Das sind, im Gegensatz zum erstickenden Cronenberg, befreiende Akte, und so gilt "Holy Motors" zum Ende des Festivals als Favorit.

Immer wenn sich Cannes dem Ende zuneigt - morgen werden die Preise verliehen - häufen sich die alten Geschichten, wer mit wem kann oder eine Rechnung offen hat. Eine dieser Geschichten handelt von Nanni Moretti, dem Jury-Präsidenten, und Michael Haneke, dessen "Amour" ein Palmen-Kandidat ist. Sie reicht ins Jahr 1997 zurück, als Hanekes "Funny Games" der Favorit war, unter den Kritikern und Juroren. Nur einer von letzteren wehrte sich mit Händen und Füßen, und der hieß Nanni Moretti. Die Goldene Palme wurde schließlich zwischen dem Japaner Shohei Imamura und dem Iraner Abbas Kiarostami geteilt. Ironie der Geschichte: Kiarostami ist dieses Jahr wieder im Wettbewerb. Damit enden aber die Parallelen, denn "Like someone in love" ist eine Petitesse. Ähnliches gilt für Ken Loach, dessen Drehbuchautor nach Spanien zog, und diese Entfernung von der Realität daheim merkt man ihrem Whisky-Märchen "Angel's Share" an.

Dann war da das, was Festivalchef Thierry Frémaux im Vorfeld als "Neues New Hollywood" umriss. Sollten das die Vorboten gewesen sein, dann gnade uns Gott, zumal nur einer der Regisseure jünger als 40 ist. Abgesehen von Wes Andersons wunderbarem "Moonrise Kingdom" mühen sich alle krampfhaft, aus verschrumpelten Genrezitronen noch Saft zu pressen. John Hillcoat tut das mit seiner Schwarzbrenner-Ode "Lawless", Lee Daniels mit seinem Hinterwäldler-Drama "The Paperboy" (dem ersten von zwei Filmen mit Nicole Kidman) und Andrew Dominik mit seiner Abrechnung unter Gangstern "Killing them softly".

Mehr Ästhetik statt Technik

Die Handschrift eines Michael Haneke dagegen ist immer zu erkennen, präzise, distanziert, kühl - auch wenn die Kühlheit der Beobachtung in "Amour" für einmal von Anteilnahme an dem Schicksal seines alten Paares überlagert wird. Eine interessante Signatur findet man auch bei dem Mexikaner Carlos Reygadas. Sein "Post Tenebras Lux" lässt sich anfangs noch als Albtraum eines Kindes erklären, doch die Erklärungen gehen einem bald aus. Reygadas ist einer der wenigen Filmemacher, die eine Erneuerung des Kinos nicht aus der Technik heraus versuchen, sondern aus der Ästhetik.

Sonst tummeln sich in Cannes jede Menge Technikfreaks, die das Medium als die Botschaft ausgeben, von einem 3-D-Dracula (mit Thomas Kretschmann) bis zur Deutschen Telekom. Die stellte ihr Mitmach-Kinoprojekt vor, das Millionen von Usern verspricht, mit ihren Ideen an einem Kinofilm mitzuwirken. Dringt man in die Details vor, entpuppt sich die Sache als ein Administratorenprojekt, bei dem Tausende von Ideen aus dem Netz in vorgegebene Bahnen gelenkt werden müssen. Mit großem Glück wird ein User feststellen, dass seine Idee bei einer Szene sekundenlang im Hintergrund zu sehen ist. Nein, die Erneuerung des Kinofilms, sollte sie nochmals gelingen, wird nicht über die Technik führen, und Cannes 2012 wird auch nicht viel dazu beigetragen haben.