Interview

"Ich inszeniere mich ja als Edelpenner"

Matthias Lilienthal verlässt nach neun Jahren das HAU - und verabschiedet sich mit einem 24-stündigen Theaterspektakel

Matthias Lilienthal ist ein erfolgreicher Theatermacher - und ein sehr gut vernetzter dazu. Der gebürtige Berliner (Jahrgang 1959) leitet seit neun Jahren das aus drei Kreuzberger Bühnen bestehende Hebbel am Ufer, kurz HAU genannt. Er hat auf eine Verlängerung seines Vertrages verzichtet, die Kulturpolitik hätte ihn gern in Berlin gehalten. Im Sommer übernimmt Annemie Vanackere aus Rotterdam seinen Posten. Mit Lilienthal, der nicht selbst inszeniert, sprachen Stefan Kirschner und Matthias Wulff.

Berliner Morgenpost:

Herr Lilienthal, während Ihrer Intendanz sind hier ungefähr 1000 Produktionen herausgekommen. Wie viele davon haben Sie denn gesehen?

Matthias Lilienthal:

950.

Wirklich?

Vielleicht sogar noch mehr. Ich sehe fast alles.

Viele Inszenierungen am HAU sind nur wenige Tage zu sehen. Ist das nicht schade?

Würden wir einzelne Produktionen häufiger spielen, müssten wir uns von zwei Drittel der hier arbeitenden Künstler verabschieden, weil der Spielplan gesprengt würde.

Die vielen Premieren verbergen Flops auch ganz gut.

Die Erfolgsquote dürfte der an Stadttheatern entsprechen. Aber es stimmt schon: Missglückte Produktionen fallen bei uns nicht so auf.

Verglichen mit anderen großen Theatern dieser Stadt haben Sie im HAU wahrscheinlich das jüngste und gemischteste Publikum.

Das ist bei uns an jedem Abend sehr unterschiedlich. Wir haben wenig Schüler, performative Auflösung von Formen und Inhalten ist nicht unbedingt etwas für 14-Jährige, aber so ab 18 kommen die Leute zu uns. Und wir sprechen mit unserer Arbeit sehr unterschiedliche Milieus an. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich ein Bürger per exellence in dieser Stadt bin: Ich kann mit allen. Mit türkischstämmigen Filmregisseuren genauso wie mit dem Regierenden Bürgermeister oder Menschen aus Gropiusstadt oder Zehlendorf. Ich inszeniere mich ja als Edelpenner. Deswegen denken alle immer, der ist ein bisschen daneben.

Dieses Auftreten könnte ein Problem sein, wenn Sie sich für eine Intendanz in München, Köln oder Hamburg bewerben.

Stimmt.

Außerhalb Berlins sind Sie...

...schwer vermittelbar (lacht). Zumindest in Deutschland. Nachdem ich hier am HAU meinen Vertrag nicht mehr verlängert habe, kamen Angebote aus Südkorea, Australien und dem Libanon.

Und Sie haben sich für Beirut entschieden.

Ich werde dort am Home Workspace, einer innovativen Ausbildungseinrichtung, Kunststudenten unterrichten und mit denen versuchen, eine X-Wohnungen-Version für das Beiruter Festival in der zweiten Aprilhälfte 2013 zu machen.

Die Kulturverantwortlichen dieser Stadt hätten Sie gern hier behalten.

Wenn man so einen Job zu lange macht, nutzt sich vieles ab. Es ist richtig, nach einer bestimmten Zeit aufzuhören. Ich bin jetzt 52 Jahre alt - und habe Lust auf etwas Neues.

Und wenn Sie dann ein Theaterfestival im arabischen Raum auf die Beine gestellt haben, sehen wir die Inszenierungen im HAU?

Intendanten haben in ihrem ehemaligen Haus nichts zu suchen. Also insofern bestimmt nicht hier.

Vielleicht auf dem Flughafen Tempelhof?

Ein Hangar in Tempelhof wäre schon ideal. So einen Raum, den man je nach Kunstgattung neu definieren kann, hätte ich gern. Wenn es eine Stadt gibt, die mir so eine Halle und ein Fünf-Millionen-Budget gibt, da würde ich hingehen. Und wenn es Mannheim wäre.

Sie kennen Kulturstaatssekretär André Schmitz ja gut und haben mit ihm bestimmt über Tempelhof gesprochen.

Ja, aber im Berliner Kulturetat sind momentan keine fünf Millionen Euro übrig. Und es gibt in der Stadt bestimmt zehn Institutionen, die alle 500.000 Euro mehr bräuchten.

Eine Frage der Verteilung.

Und des Willens. Wenn Daniel Barenboim mehr Geld haben will, bekommt er es auch.

Vielleicht übernehmen Sie bald eine Einrichtung, die bereits einen Etat hat?

Jetzt höre ich in Berlin erst mal auf, damit die Stadt ein bisschen Pause von mir kriegt. Ich habe sieben Jahre an der Volksbühne und neun Jahre am HAU gearbeitet. Ich muss jetzt meinen Akku woanders aufladen, bevor ich möglicherweise hier noch mal irgendwo auftauche.

Von Berlin an sich haben Sie nicht genug?

Nö, man wohnt hier ja eigentlich in einer unbekannten Stadt: Die Hälfte der Bevölkerung wurde in den vergangenen 15 Jahren durch Zuzüge ausgetauscht.

Zum Schluss Ihrer Intendanz gibt es "Unendlicher Spaß" als 24-Stunden-Performance an verschiedenen Orten. Warum liegen alle im Westen?

Wallace beschreibt in seinem Roman die Langeweile von Boston, ich musste beim Lesen an die Peripherie West-Berlins denken. Ob in Zehlendorf oder Gropiusstadt, da ist in den vergangenen 20 Jahren wenig passiert. Wir nehmen den Stoff und bespielen zwölf verschiedene Orte wie das Finanzamt Reinickendorf, die Klinik Lankwitz, die etwas runtergerockte Abhörstation auf dem Teufelsberg oder den Tennisklub LTTC "Rot-Weiß". Wir hätten super gern auch den Bierpinsel gehabt, aber da kamen uns Sanierungsmaßnahmen dazwischen. Zwölf Gruppen, darunter She She Pop und Gob Squad, inszenieren jeweils eine Station. Wir zeigen das acht Mal, das dauert jeweils 24 Stunden.

Wissen die Institutionen, was auf sie zukommt?

Na klar, die freuen sich auf uns.

Ist ja eine ganz andere Welt bei Rot-Weiß.

Der Tennisboom der 70er-,80er-Jahre ist vorbei. Auch Rot-Weiß ist auf der Suche nach neuen Wegen. Dass die kulturelle Szene einen anderen Blick darauf wirft, das finden die spannend.

24 Stunden Theater - das könnte das Publikum überfordern.

Alternativ kann man auch zwölf Stunden an zwei Tagen buchen. Aber die Stadt liebt doch außergewöhnliche Spektakel. Und ich glaube, dass es im Moment fast nicht Unbekannteres gibt als diese Peripherie. Ich fand das Stehenbleiben der Zeit an den Rändern von West-Berlin lustig. Und ich tue ja immer das, was ich lustig finde.