Kino

14 Minuten Ruhm

Wieder kein deutscher Beitrag in Cannes? Nicht ganz. Der Berliner Eicke Bettinga ist mit einem Kurzfilm im Rennen

Es ist der Dauervorwurf in Cannes: Wieder kein deutscher Beitrag im Wettbewerb! Das stimmt, zumindest dieses Jahr, nicht ganz: Der 14-Minüter "Gasp" des Wahlberliners Eicke Bettinga konkurriert um den Preis für den besten Kurzfilm. Und das ist auch eine Goldene Palme.

Kurz vor der Premiere sitzt der Jungfilmer noch entspannt am Strand hinter dem Festivalpalais und fragt höflich, ob es okay sei, die Sonnenbrille aufzulassen. Es ist aber auch der erste Sonnentag nach einer halben Woche Dauerregen. Der Nachwuchsfilmer ist bereits seit einer guten Woche auf dem größten Filmfestival der Welt. Er geht zu Branchentreffen und Empfängen, trifft Produzenten und gibt Interviews. Während seine Darsteller Cannes in vollen Zügen genießen und kaum eine Party auslassen, ist das Festival für Bettinga Arbeit. Die Sonnenbrille verhüllt auch die müden Augen.

Bislang verbrachte der 33-Jährige zwei Drittel seiner Zeit mit dem Entwickeln eigener Projekte, seinen Lebensunterhalt verdient er mit Werbeclips in Deutschland und England. "Fast jeder Werbefilmer sagt, dass er Spielfilme machen will, aber die wenigsten tun es", sagt er. In der Werbebranche werde noch gut bezahlt und kaum einer wolle auf den Lebensstandard verzichten. "Man muss sich entscheiden: Porsche oder Filmemachen", glaubt Bettinga und fügt nach einer Pause hinzu: "Ich will Filme machen." Und das schon seit seiner Jugend: Mit 14 Jahren dreht der in Ostfriesland Geborene seinen ersten Kurzfilm, in seiner Jugend zieht er nach London, macht dort das Abitur und studiert an der renommierten National Film & Television School unter Stephen Frears Filmregie. Für Bettinga ist der "Queen"- Regisseur ein wichtiger Mentor. "Er hat mir etwas sehr Wichtiges über Schauspielführung beigebracht. Er meinte, man braucht nur zwei Regieanweisungen: 'schneller' und 'langsamer'. Daraus ergibt sich alles andere. Und er muss es wissen. So vielen Schauspielerinnen wie er hat wohl kein anderer zu Oscars verholfen." Obwohl der 1978 Geborene zu den jüngsten Regisseuren dieses Jahrgangs zählt, ist er alles andere als ein Cannes-Neuling. 2009 präsentierte er seinen Kurzfilm "Together" in der Nebenreihe Semaine de la Critique. Und bereits 2002 lief sein Abschlussfilm "Shearing" hier, da war er gerade 23. Damals war Martin Scorsese Jurypräsident der Studentenfilmreihe. Er mochte seinen Kurzfilm und stellte die Frage, die Bettinga seitdem sehr oft hört: "Wann machst du deinen ersten Spielfilm?" Aber er ist eben Perfektionist und will nichts machen, hinter dem er nicht hundertprozentig steht. Er lässt sich lieber Zeit. Bettinga hat eine Theorie, warum er bereits zum dritten Mal nach Cannes eingeladen wurde: "Natürlich muss der Film gut sein. Aber wenn das Festival jemanden entdeckt hat, wollen sie ihn auch fördern." Auch sie haben schon nach seinem ersten Spielfilm gefragt. Derzeit arbeitet Bettinga an drei verschiedenen Spielfilmprojekten. Eines ist die Geschichte einer britischen Studentin, die in den 80er Jahren aus dem Thatcher-England in die DDR flieht. "Mich interessiert dieser Außenseiterblick auf ein Stück deutsche Geschichte", erklärt Bettinga, "und es spiegelt auch ein wenig meine Situation zwischen beiden Ländern."

Gerade hat Bettinga eine britische Produktionsfirma für den Stoff gefunden. Cannes hat sich für ihn also schon gelohnt, bevor sein Kurzfilm am Freitag Premiere hat. Sonntagabend werden dann die Preise des Festivals vergeben, darunter auch der für den besten Kurzfilm. Dann könnte also tatsächlich ein Deutscher die Goldene Palme gewinnen. Darüber will Eicke Bettinga aber lieber nicht nachdenken. Er denkt lieber an den nächsten Film. Der soll schließlich perfekt werden.