Ausstellung

Der Mann, der die Politiker von einer anderen Seite zeigt

Wolfgang Wildes Fotografien im Einstein Unter den Linden

Wolfgang Schäuble posiert im Schatten der letzten Reste der Berliner Mauer, die Deutschlandfahne wie zum Schutz über den Schoß geworfen. Philipp Rösler hat sich Boxhandschuhe übergezogen und traktiert einen Sandsack. Jürgen Trittin gibt seine markanten Wangen als Landebahn für zwei große Schmetterlinge hin. CSU-Politiker Peter Gauweiler sitzt zünftig in Lederhosentracht am Tisch, natürlich mit blauweißem Tischtuch und einer Maß Bier. Bildungsministerin Annette Schavan mimt eine Ober-Lehrerin und wischt lachend mit einem Schwamm über eine Tafel. Verkehrsminister Peter Ramsauer lehnt sich ganz weit raus und hängt cool an einem Lastwagen. Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner joggt tapfer durch ein Kornfeld und SPD-Fraktionsvorsitzender Frank-Walter Steinmeier stapft durch einen tief verschneiten Winterwald.

Politiker kennt man gewöhnlich im Anzug, dabei sitzt das Lächeln so korrekt wie die Bügelfalte. Und immer stehen sie im Parlament, im Verhandlungsraum, im Fernseh-Studio. Wolfgang Wilde indes zeigt die hohen Damen und Herren Beamten einmal von einer anderen, menschlicheren, oft auch: ironischeren Seite. Und er stellt sie dafür in überraschende Arrangements, vor glühende Hochöfen, in Kornfelder oder auch in Sehnsuchtslandschaften. Er macht die Akteure des Polit-Betriebs sichtbar, indem er sie eben nicht in diesen Betrieb mit seinen schematischen Kulissen zeigt.

Seit Jahren schon prägt Wilde mit seinen ausdrucksstarken Bildern die Optik der politischen Interviews der "Bild am Sonntag", die wie die Morgenpost im Axel-Springer-Verlag erscheint. Nun sind seine Fotografien auch einmal "solo", ohne die dazugehörigen Zeitungsartikel zu erleben. Und siehe da: Die Bilder erzählen ihre ganz eigenen Geschichten über diejenigen, die er vor die Linse bekommen hat. Eine Auswahl von 36 Bildern hängt seit gestern in der Galerie des Café Einstein Unter den Linden. Seine Ausstellung nennt der Künstler ganz schlicht "Fotos von Wolfgang Wilde". Und die hängen dort bis 30. Juni. Man muss nicht mal Eintritt zahlen wie sonst üblich in Museen, man kann einfach ins Einstein gehen, vielleicht erst einen Kaffee trinken und sich dann in der Galerie die Porträts in aller Ruhe anschauen.

Im Gegensatz zu Schnappschüssen, die sie nicht selten auch in unvorteilhaften Posen zeigen, sind die Politiker mit derartigen Porträts mehr als zufrieden. Einige der Abgelichteten wie Peter Ramsauer kamen persönlich zur Ausstellungseröffnung am Donnerstagabend. Auch Frank-Walter Steinmeier war da, der hielt die Laudatio auf Wilde.