Kunstherbst

Die Berliner Kunstmesse ist tot, es lebe die "Berlin Art Week"

Für eine neue Messe ist die Konkurrenz zu groß. Ein starker Kunstherbst soll die Sammler locken

Auch Kulturstaatssekretäre haben manchmal gute Tage, oder gar sehr gute. Wie am Donnerstag, als André Schmitz verkünden konnte, dass Shermin Langhoff das Gorki übernimmt. Abends dann bei einer Diskussion über Berlins Kunstmarkt ("1. Liga oder nicht?"), organisiert vom Wirtschaftsclub VBKI, ging's gleich weiter mit einer aufregenden Plauderei, die gar keine sein sollte, denn die offizielle Pressekonferenz findet erst Ende Mai statt.

"Wir brauchen keine neue Kunstmesse", so Schmitz in die Runde. Da diskutiert die Szene seit Wochen aufgeregt über eine Neuauflage des Art Forums in alternativer Form, und nun das. Dafür soll's Ersatz geben - einen neuen Kunstherbst unter der gemeinsamen Dachmarke "Berlin Art Week". Im Mittelpunkt des Kunstherbstes stehen wie im vergangenen Jahr die ABC, eine kuratierte Verkaufsausstellung und die Preview, ein Format, das vornehmlich junge und neue Positionen entwickelt. Die Berliner Liste stellt sich derzeit neu auf, es bleibt abzuwarten, wie sich deren Qualität entwickeln wird. Den September-Termin sollen Berliner Institutionen wie die Kunstwerke, Berlinische Galerie, Nationalgalerie und NBK mit eigenen Ausstellungen und Projekten flankieren, um die Stärke des Kunst- und Produktionsstandortes hervorzuheben.

"Wir müssen den Herbst so stark besetzen, dass die Leute hierher kommen", so Schmitz. Das Aus des Art Forums hat sich offenbar stärker ausgewirkt, als zunächst zu vermuten war. Laut einer Umfrage des Landesverbandes Berliner Galerien sehen immerhin 60 Prozent darin einen "großen Schaden" fürs Geschäft. Der letzte Kunstherbst - schon ohne Art Forum - sei eindeutig zu schwach gewesen.

Um mehr Gemeinsamkeiten im Sinne des Kunststandorts Berlin zu beschwören, arbeiten offenbar Berlinische Galerie, Nationalgalerie und Kunstwerke an einem Konzept für eine Großausstellung, die ähnlich wie damals "Based in Berlin" ein Schaufenster sein soll für die junge Kunst "made in Berlin". Ob ein Ort oder drei bespielt werden, diese Details stehen noch nicht fest. Nächstes Jahr könnte der Termin stehen. Mit rund 1,5 Mio. Euro unterstützt die Senatkulturverwaltung das Projekt. Der Wirtschaftssenat hingegen wird die Finanzierung der Marketingkampagne der "Berlin Art Week" übernehmen. Kulturprojekte Berlin, jene senatseigene Veranstaltungs-GmbH, soll die Organisation des Events übernehmen. Klingt gut.

Die Entscheidung gegen ein neues Messeformat haben sich die Akteure am Runden Tisch in vielen Gesprächen wohl nicht leicht gemacht. Nach dem Erfolg der Kölner Messe, der starken Art Basel und der Frieze in London ist klar, dass "wir gegen diese Konkurrenz" nicht ankommen, so Schmitz. Berlins Attraktivität hin oder her, die Kaufkraft in der Stadt lässt zu wünschen übrig, auch wenn es immer mehr große Sammler, teilweise mit eigenen Häusern, hierher zieht. "Der Messezug ist definitiv abgefahren, wir schauen nur noch den Rücklichtern hinterher", so beschreibt selbst Werner Tammen vom Landesverband der Berliner Galerien die wenig zukunftsweisende Situation. Eine neue Leitmesse mit Berlin-Profil sei derzeit unrealistisch. Für den Sammler Christian Boros haben sich Messen mit ihren "Besenkammern" und "Mixed-Pixels von Kunst" ohnehin überholt. Berlin müsse punkten mit verblüffenden Formaten, genügend Freiflächen gäbe es in der Stadt. "Wir haben Brachen und alte Hallen, die gibt es sonst nirgends, dort muss man ausstellen. Da gäbe es 200.000 Quadratmeter für die Kunst in einer Woche", lacht er.

Nächste Woche also will André Schmitz Details verkünden rund um den heißen Kunstherbst. Wer das letzte Gallery Weekend erlebt hat, die lockere Stimmung in den Straßen, die zahlreichen Sammler in den Galerien, der weiß, dass die Hauptstadt diese ungeheure Sogkraft für Leute aus aller Welt besitzt. Berlin sei international ein "Tastemaker", findet Jutta Nixdorf von Christie's. Was also spricht gegen einen schönen neuen Kunstherbst.