Filmfestival

Verkehrte Welt in Cannes

Es regnet an der Croisette, Brad Pitt geißelt Amerika und Chinesen kaufen eine US-Kinokette auf

Das hat Cannes noch nicht erlebt. Weltuntergangsstimmung an der Croisette. Vier Tage hintereinander regnete es - niemand kann sich je an ein ähnliches Wetterdesaster erinnern -, die Wellen leckten über die aufgeschütteten Sandwälle in die Strandrestaurants und schon macht der Scherz die Runde, bei der Berlinale sei das Wetter besser. Aber dann kam die Sonne. Und Brad Pitt. Und alles war wieder gut. Der Star kam allein, ohne Angelina Jolie (auch in dieser Hinsicht hatte es die Berlinale besser!). Und er sagte auch seltsame Dinge, dass die Gerüchten über eine Hochzeit im August erfunden seien, aber seine Verlobung mit Jolie schon "Sinn gemacht" habe. So so.

Ein ganz anderer Pitt als der auf dem Teppich war dann im Kino zu erleben: in "Killing Them Softly". Schon der Filmanfang hat es in sich. Im Hintergrund hört man Barack Obama die Werte des amerikanischen Unternehmertums preisen, im Vordergrund aber stapft der Held durch eine trostlose Großstadtwüste. Sowas würde man Brecht zutrauen. Aber Brecht ist tot. Oder Michael Moore. Aber der ist dieses Jahr nicht in Cannes. Es könnte sich auch um einen Ken Loach handeln. Loach ist zwar da, hat aber einen - fast möchte man sagen - Wohlfühlfilm mitgebracht. Von wem aber stammt dieser dialektische "Killing"-Film? Wir sehen, wie drei Kleinganoven eine illegale Pokerrunde überfallen, wie die Beraubten einen Profikiller engagieren und Egoismus und Brutalität die Oberhand behalten. Und im Hintergrund, aus Radios und Fernsehern, tönen die Stimmen der Finanzkrise.

Ein Satz von Brad Pitt wird bleiben

Am Schluss, als der Profikiller - eben Brad Pitt - seine Arbeit erledigt hat und das vereinbarte Honorar fordert, eröffnet ihm sein Auftraggeber, die Zeiten seien schlecht und auch sein Lohn müsse gekürzt werden. Da bricht es aus Pitt heraus, er habe dieses ganze verlogene Gerede von Zusammenstehen satt: "Amerika ist kein Land, sondern ein Geschäft. Und das Geschäft heißt Verbrechen!" Dieser Satz aus Pitts Mund wird bleiben, er wird millionenfach auf YouTube geklickt, vielfach in Dokumentationen zitiert werden. Was von "Killing Them Softly" sonst bleiben wird, ist eher fraglich. Regisseur Andrew Dominik, ein Neuseeländer, erzählt seine Geschichte ohne eine sympathische Figur, ohne Ausweg, ohne Katharsis. Ein einziges Vergnügen leistet sich dieser Film, und das ist das Zeitlupenschwelgen in Gewalt.

Noch einen höchst sonderbaren Film gilt es zu vermerken. Von einem fast schon Vergessenen. Wenn man von Regisseuren redet, die uns nur alle zehn Jahre einen neuen Film liefern, denkt man an Stanley Kubrick oder Terrence Malick. Und vergisst dabei den Franzosen Leos Carax mit mehr gescheiterten Projekten als fertigen Filmen, legendär seit den "Liebenden vom Pont-Neuf" vor 20 Jahren, nicht mehr im Kino seit der missglückten "Pola X" 1999. Und nun erobert er Cannes zurück, mit "Holy Motors", einem Film, von dem keiner zu behaupten wagt, er habe ihn verstanden, der aber alle verzaubert hat.

Die Hauptrolle spielt, wie immer bei Carax, Denis Lavant, der in eine Stretchlimo ein- und eine halbe Stunde später als alte Frau wieder aussteigt. Im Lauf des Tages wird er sich noch zehnmal verwandeln, in einen Banker, einen Vater und wer weiß wen noch. "Holy Motors" ist surreal, poetisch, verrückt. Ein Film, den man ein zweites oder drittes Mal ansehen muss (und will), und vielleicht steht man selbst danach noch vor einem Rätsel.

Wer in Cannes direkt nach Carax "On the Road" von Walter Salles gesehen hat, könnte ob dessen Bravheit verzweifeln. Salles hat die Bibel der Beatniks von Jack Kerouac neu verfilmt und akkurat jedes Detail des Amerikas der späten Vierziger rekonstruiert. Dabei schafft er es, die Lust nach Abenteuer keit mit einer schweren Patina zu überziehen, die das hektische Lebensgefühl der Beat Generation völlig musealisiert. Die Atemlosigkeit des Romans spiegelt sich in dem trägen Fluss des Films niemals wieder, dagegen spielen auch Stars wie Sam Riley, Kristen Stewart oder Kirsten Dunst vergeblich an.

Alles ist in diesem Jahr etwas verkehrt in Cannes. Die Beatniks als Museum, die Croisette als Sandsackpromenade und America's Sweetheart Pitt als Amerika-Geißler. Die finstersten Nachrichten kommen aber noch. Laut Pressemitteilung hat der chinesische Immobilienkonzern Wanda für 2,6 Milliarden Dollar AMC Entertainment gekauft, Amerikas zweitgrößte Kinokette. Mit einem Schlag gehören 5034 Leinwände nicht mehr Hollywood, sondern Peking. Was geschieht da, während Brad Pitt und Bruce Willis weiter über den Roten Teppich paradieren? Und was soll man von der Geschichte halten, die ein deutscher Produzent erzählt, ein griechischer Verleiher habe ihm für die Rechte an einem seiner Filme kein Geld geboten, sondern tausend Liter Olivenöl?