Lesung

Jonathan Meese beschimpft alle Ich-Demokraten

Der Künstler stellt lautstark sein 660-Seiten-Buch vor

"Ich bin bei einer Lesung von Jonathan Meese, diesem verrückten Künstler", flüstert ein Herr in Schwarz in sein Smartphone. Lesung? Denkt er wirklich, Jonathan Meese, dieser verrückte Künstler, setzt sich in aller Ruhe hin und liest geduldig aus seinem Buch vor? Die Organisatoren des Literaturforums im Brecht-Haus hatten es als "Buchvorstellung" angekündigt. Vorstellung? Ja, wir sehen, wie uns der Künstler seine tolle Idee vorstellt und wie er sich selbst vorstellt und verstellt.

Wo ist eigentlich Brigitte? Meeses Mama folgt ihm doch sonst auf Schritt und Tritt, er nennt sie seinen "Zugang zur Realität". Ob sie schon backstage mit einer Tasse Hagebuttentee auf ihn wartet, während sie Fanpost beantwortet? "Ich würde weinen, wenn meine Mutter die Diktatur der Kunst noch erleben würde.", sagt Meese. Der Begriff "Enfant terrible" war nie treffender - Meese ist das völlige Spielkind und Muttersöhnchen mit Hang zur Fäkalsprache. "Terrible" ist nur seine Frisur. Ansonsten ist der Künstler doch recht harmlos, aus inszenatorischen Gründen oder Unsicherheit spricht er nie; er brüllt seine Theorien in die Welt hinaus: "Aber nein, Mama, das wird ja nicht passieren, weil sich alle ,Drecks-Pisser' erst noch individualisieren müssen!"

Penner und Piraten

Da sind wir auch schon mitten im Werk. Meeses 600-Seiten-Buch "Ausgewählte Schriften zur Diktatur der Kunst" fordert eigentlich nur eines: Kunst an die Macht - die Abschaffung der Individualität. Wir seien alle "ich-versaute Demokratenschweine.", sagt er, echauffiert sich über die Regierungsform Demokratie und erzählt, wie er zum ersten und letzten Mal wählen ging. "Ich bin in diesen Kackladen reingegangen und habe alle Parteien angekreuzt." Überall stoße er auf Individualitätsfanatismus. "Das Hollande-Ich soll jetzt plötzlich geiler sein als das Sarkozy-Ich? Das sind doch alles Penner und die Piraten sind sowieso das mieseste Dreckspack - demokratisch kontaminiert." Und dann gäbe es noch die "ganz cleveren Pisser", die sagen, die Demokratie sei doch wenigstens die beste aller schlechten Regierungsformen.

Die Terminologie des Jonathan Meese ist mitunter äußerst amüsant. Das Präfix "Erz" mag er besonders. Das "Erzbaby", der "Erzkünstler" und überhaupt soll Deutschland ab jetzt "Erzland" heißen. Manchmal möchte man den schwitzenden und spuckenden Meese einfach in den Arm nehmen und ihm versichern, dass alles gut wird. Auch Psychoanalyse wäre denkbar; doch würden sich die Analysten am "Erzkünstler" die Zähne ausbeißen, sollten sie sich nach seinem Befinden erkundigen: "Ich scheiße mein Ich jeden Morgen raus." Dafür, dass er die Individualität verabscheut, benutzt er doch häufig das verbotene I-Wort und wenn sie so tabu ist - warum dann diese Selbstinszenierung, warum die Rockstarbrille und die Adidas-Jacke? Nun, Jonathan Meese ist ein Schauspieler mit wahnsinnig komischem Talent. Vielleicht nutzt er es geschickt zur Vermarktung seiner Ideale, vielleicht aber auch einfach, um sein "Rest-Ich" streicheln zu lassen, wenn die Leute zuhören und applaudieren. Vielleicht ist er aber auch einfach ein verlorener "Erzfreak".

Jonathan Meese: Ausgewählte Schriften zur Diktatur der Kunst. Edition Suhrkamp, 662 Seiten, 29 Euro