Kino

Das Paradies liegt in Cannes

Die 65. Filmfestspiele eröffnen mit "Moonrise Kingdom". Und Fatih Akin zeigt seine Doku "Müll im Garten Eden"

Allen, die dem verlorenen Paradies nachtrauern, das nie mehr zurückkehren wird, sei zugerufen: Das Paradies hat überdauert. Es befindet sich auf New Penzance, einer Insel vor der Küste Neu-Englands. Es gibt keine Autos und keine Straßen dort, die das beschauliche Leben beschleunigen könnten, und der Sheriff heißt Bruce Willis. Das ist allerdings eine ganz falsche Spur, denn Willis gibt in "Moonrise Kingdom" nicht seinen gewohnten Haudegen. Er passt sich einfach nur in Wes Andersons grandioses Ensemble ein - da sind noch Edward Norton, Bill Murray, Tilda Swinton, Harvey Keitel - die aber alle nur Steigbügelhalter für zwei Zwölfjährige sind, von denen wir noch nie gehört haben: Jared Gilman und Kara Hayward.

Denn "Moonrise Kingdom" ist ein Film, der in unserer aller Kindheit spielt, in einer, wie wir sie gerne gehabt hätten. Wir schreiben das Jahr 1965, und in Wes Andersons New Penzance geht es zu wie auf Astrid Lindgrens Saltkrokan; es ist ein Paradies zum Umhertollen, Klettern, Baden - genau das Richtige für eine Pfadfindergruppe, um hier ihr Sommerlager aufzubauen. Sam, ein 12-jähriger Scout, und Suzy, eine Gleichaltrige von der Insel, vergucken sich ineinander, und brennen durch, inklusive Zelt, Pfeil und Bogen. Und die Erwachsenenwelt gerät in helle Aufregung. Bei allem Spaß, den man an Andersons bizarren Charakteren hatte, nervte einen immer das Prinzip der Skurrilität um der Skurrilität wegen. In "Moonrise" vollzieht Anderson einen wichtigen Wandel: Die Skurrilität ist unvermindert präsent, aber sie drückt sich nicht mehr in den Personen aus, sondern ist auf die Erzählweise übergegangen. Dafür kann man seine Charaktere nun ernst nehmen.

Cannes - und überhaupt keines der großen Festivals - hat seit Jahren einen derart anrührenden, witzigen, bei aller Tragik optimistischen Eröffnungsfilm präsentiert wie "Moonrise Kingdom". Dies ist der makellose Film von Wes Anderson, den wir ihm immer zugetraut haben, nun, nach 15 Jahren, ist er ihm gelungen. Nächste Woche läuft er in unseren Kinos an.

Bei aller verzaubernden Süße, die "Moonlight Kingdom" innewohnt: Man muss immer nur einen kleinen Schritt weiter denken, und schon lauert die Zerstörung des Paradieses um die Ecke. Da sind die Pfadfinder dann nicht mehr die freie Spielwiese, sondern der Übungsplatz vormilitärischen Drills. In der Person von Tilda Swinton lauert schon die Bürokratie, die nicht mehr das Beste für die ihr anvertrauten Menschen will, sondern für sich selbst. Doch Wes Anderson ist wild entschlossen, die letzten Momente dieses Paradieses auszukosten, bevor ihm die Unschuld verloren geht.

Auch Fatih Akins "Müll im Garten Eden" könnte fast auf New Penzance spielen: sanfte Hänge, idyllisch gelegene Häuschen, das Meer ganz in der Nähe. Doch dies ist Camburnu am Schwarzen Meer, woher Akins Großeltern stammten und wo "Auf der anderen Seite" zu Ende ging, und nach zwei Minuten gerät eine Plastiktüte ins Bild, der Idyllenstörer, der verkündet, dass das Paradies bereits zerstört ist. Dies ist Fatih Akins zweite Dokumentation nach "Crossing the Bridge", worin er das kulturell vibrierende Istanbul feierte. Hier trauert er eher statt zu feiern, denn den Garten Eden seiner Großeltern gibt es nicht mehr; als er vor fünf Jahren mit seinem Dreh begann, hegte er noch die naive Hoffnung, die zentrale Mülldeponie für den Bezirk verhindern zu können. Doch nun ist sie da, und sie stinkt und leckt und verpestet das Grundwasser. Es ist ein Film, wie man ihn in den letzten vier Jahrzehnten auch vielerorts in Deutschland hätte drehen können, in Gorleben, Brokdorf und an vielen geplanten Mülldeponiestätten. So sind die erregten Diskussionen vor Ort und die vergeblichen Gerichtstermine für uns nichts Neues. Das Neue an "Müll im Garten Eden" ist, dass das so vertraut ist. Hier kämpfen selbstbewusste Bürger einen bitteren Kampf, keine Spur von Obrigkeitsgläubigkeit, von Ischallah. Das sind Demokraten wie wir, und das einzige, was sie (noch) nicht tun, sind Straßenblockaden und andere Formen zivilen Widerstands. Was sie allerdings (noch) nicht haben, ist eine Regierung, die sich von Umweltschutz Wählerstimmen verspricht.