Abschied

Ein Mann, der nie aufgeben wollte

Er war die Instanz für die Geschichte der Juden im Holocaust. Jetzt starb Arno Lustiger 88-jährig

Er sah ein bisschen wie Charles Aznavour aus. Er hatte die Manieren einer längst verblichenen Epoche, Handkuss inklusive. Sein Polnisch soll königlich gewesen sein. Er war stolz auf sein Bundesverdienstkreuz erster Klasse; als er am 27. Januar 2005 vor dem Bundestag sprach, legte er es selbstverständlich an. Er mochte keine Ideologien. Ihm war völlig egal, woran jemand glaubte, so lange er ein anständiger Mensch war. Auf seinem Unterarm war eine blaue Nummer eintätowiert: A-5592.

Arno Lustiger wurde 1924 im polnischen Bedzin geboren. 1939 kamen die Deutschen, 1943 wurden die Juden in ein Ghetto gesperrt. Die Familie Lustiger versteckte sich, wurde aber auseinandergerissen. Und den Rest des Leidenswegs von Arno Lustiger kann man beinahe erzählen, indem man einfach aufzählt: Auschwitz-Blechhammer. Groß-Rosen. Buchenwald. Langenstein. Zwei Todesmärsche. "Im Vergleich zu Auschwitz war Buchenwald eine Sommerfrische", sagte Lustiger mir einmal. "Aber im Vergleich zum KZ Langenstein kam mir dann wieder Auschwitz wie eine Sommerfrische vor." Beim zweiten Todesmarsch ist Arno Lustiger dann abgehauen. Die Männer vom Volkssturm schossen hinter ihm - aber "entweder waren sie schlechte Schützen, oder sie waren gute Menschen": Die Kugeln trafen ihn nicht.

Warum ist er nach dem Krieg in Deutschland geblieben? Warum ging er nicht nach Amerika, nicht nach Israel? Das ist eine lange Geschichte. Seine Schwester hatte überlebt, Arno Lustiger fand sie im Lager Bergen-Belsen wieder. Allerdings hatte sie Tuberkulose. Leute mit Tuberkulose durften nicht in Amerika einreisen. So kam es, dass Lustiger das Visum in der Luft zerriss und dem amerikanischen Bürokraten ins Gesicht warf. Und Israel? Er hielt das heiße Wetter nicht aus. Er war zu geschwächt. Also blieb er. Und baute die jüdische Gemeinde in Frankfurt mit auf. Und wurde Textilfabrikant; er betrieb ein erfolgreiches Geschäft für Damenmoden. Arno Lustiger gehörte zu denen, die für Jahrzehnte eisern schwiegen. Wenn seine Töchter ihn fragten, woher die blaue Nummer auf seinem Arm stamme, sagte er, es sei die Telefonnummer eines Freundes. Wie so viele Überlebende litt er an heimlichen Schuldgefühlen: Warum bin ich übriggeblieben, warum keiner von den anderen? Der Widerstand der Juden - das wurde Arno Lustigers Lebensthema. Selbstverständlich war er Zionist. Die Gründung eines jüdischen Staates war für ihn die logische, die notwendige Antwort auf den Genozid.

Ganz und gar unerträglich fand er die Behauptung, die Juden hätten sich damals wie Lämmer zur Schlachtbank führen lassen. Nachdem er sein Wäschegeschäft aufgegeben hatte, wurde Arno Lustiger deshalb zum Historiker. Er veröffentlichte ein Buch über die Juden im spanischen Bürgerkrieg. Er hat aberhunderte Quellen zusammengetragen, um zu beweisen: Auch in der finstersten Zeit, als der Völkermord auf seinem Höhepunkt war, haben die Kinder Israels sich nicht in das Schicksal ergeben, das ihnen bereitet wurde, sondern sich gewehrt, wo immer sie konnten. Lustiger hat über das Schicksal der jiddischen Schriftsteller unter Stalin geschrieben, die sich im Krieg gegen Hitlerdeutschland nützlich machten und zum Dank 1948 in einer einzigen Nacht ermordet wurden. In seinem letzten Buch hat er an die Deutschen erinnert, die in der Hitlerzeit Juden gerettet haben. Gewiss, Arno Lustiger war kein ausgebildeter Historiker. Aber was er in Archiven - und in Gesprächen mit Leuten, die dabei gewesen sind - ans Tageslicht gefördert hat, das wurde auch von den akademisch gebildeten Kollegen mit Achtung behandelt.

Dass er jetzt weg sein soll, einfach nicht mehr da, ist ein Gedanke, der mir absurd vorkommt. Am 15. Mai soll Arno Lustiger in Frankfurt gestorben sein. Aber ich weigere mich entschieden, die Nachricht vordringen zu lassen. Arno Lustiger tot? Für alle, die ihn auch nur ein bisschen gekannt haben, kann er gar nicht tot sein.