Konzert

Nina Hagen besingt ihren Weg zu Gott

Fans feiern die schrille Protestsängerin im Astra

"Nina, wir lieben Dich", ruft eine Stimme euphorisiert in Richtung Bühne. Und er hat ja Recht, der Mann. Man muss sie einfach mögen, diese so sprunghafte, widerspenstige, unberechenbare und überkandidelte Nina Hagen, die mit unschuldiger Vehemenz und kräftiger, grollender, bluesgeschwängerter Stimme für das Gute in der Welt einsteht und allem Bösen aus vollem Herzen den Kampf ansagt. Sie hat nach Jahrzehnte langer Suche zu Gott gefunden. Man kann es ihr glauben. Sie erläutert ihre Hinwendung zu Jesus Christus bei diesem gut zweistündigen Konzert durch jede Menge Liedgut, das stilistisch von frühem Gospel über Folk, Ska und Soul bis zu beinhartem Rock reicht.

Mit Bahnwärterkelle in der Hand und einer Trillerpfeife an den Lippen empfängt die aufmüpfige Christin ihr Publikum im gut gefüllten Astra Kulturhaus, nimmt es mit auf einen Trip mit dem Gospel Train, der an vielen Stationen Halt machen wird. Ganz in Schwarz, mit einem pinkfarbenen Etwas auf dem Schopf, eröffnet sie den Abend mit "This Train", einem frühen Gospel von Sister Rosetta Tharpe, der Woody Guthrie zu "This Train is Bound For Glory" inspiriert hatte. Sie macht sich ihren eigenen, deutschen Reim darauf: "Dieser Zug fährt Richtung Freiheit, dieser Zug ist für das ganze Volk", singt sie. Und: "Dieser Zug nimmt bestimmt keine Volksverräter mit."

Sie konnte einem im Laufe der vergangenen 40 Jahre freilich auch gewaltig auf die Nerven gehen. Nach einem grandiosen Start 1978 mit der Nina Hagen Band und dem baldigen Ende im Streit zog es das Mädchen aus Ost-Berlin, das nach der Zwangsausbürgerung ihres Stiefvaters, des Sängers und Lyrikers Wolf Biermann, in den Westen übersiedelte, hinaus in die weite Welt. Es waren vor allem ihre Eskapaden, Skandälchen und Ufo-Theorien, mit denen sie von sich reden machte.

Gerade hat die 57-Jährige ein Album veröffentlicht, das sie nun auf einer Tournee vorstellt. "Volksbeat" heißt es, ist wieder verstärkt rockbetont und so abwechslungsreich wie ein Kessel Buntwäsche. Vieles davon taucht im mit nahezu drei Dutzend Liedern vollgepackten Live-Programm auf. Sie hat aus Brechts Gedicht "Die Bitten der Kinder" eine furiose Rocknummer gemacht. Sie singt Biermanns "Ermutigung", macht aus Dylans "One More Cup Of Coffee" die deutsche Version "Noch ein Tässchen Kaffee auf den Weg".

Vier Musiker, angeführt von Gitarrist Warner Poland, stärken ihr routiniert den Rücken. Sie haben es nicht immer einfach. Aber sie scheinen die Marotten ihrer Chefin zu kennen. Nina Hagen ändert immer mal wieder den Ablauf, spielt manche Stücke nur an, verplaudert sich mit dem Publikum, verteidigt Günter Grass, sagt Dinge wie "Fürchtet Euch nicht, wir leben in einer gefallenen Welt" und brandmarkt die "Netzwerke des Bösen", die Spekulanten und Unterdrücker, Rassisten und Kriegsverbrecher, Faschisten und Volksverhetzer. Eine Protestsängerin auf christlichen Pfaden, die immer noch das Talent hat, sich um Kopf und Kragen zu reden. Musikalisch sitzt man am Lagerfeuer im Friedenscamp. Man kann den Applaus, der ihr entgegen brandet, als frenetisch bezeichnen. Halleluja.