Kunst

Literatur trifft Malerei: Begegnung in der Werkstattgalerie

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Frédéric Schwilden

In einer Straße am Nollendorfplatz sitzen Jürg Halter und Prinzessin Ingeborg zu Schleswig-Holstein an einem Tisch in der Werkstattgalerie, einem Kunstraum in Schöneberg.

Orchideen liegen auf nüchternem Weiß, daneben ein Teller Erdbeeren und herrlich krümelnden Buttercroissants. Der Schweizer Dichter, ganz in Schwarz, schaut durch das verzerrende Glas einer Brille auf die Malerin, die auch noch aus Schleswig-Holstein stammt, in den 80ern mal Assistentin von Warhol war. Sie sieht so sylt-gut aus. Blond, großer Ring, Ballerinas, lackierte Fingernägel. Mit 56 funkeln nur noch wenige so jugendlich. Das schweizerische Deutsch klingt verspielt im Dialog mit dem Hochdeutschen. Beide Künstler sind sehr aufgeregt. Schleswig-Holstein schwärmt von den Bildern, die der Lyriker in fünf Zeilen zu erzeugen vermag.

In einem zweiten Raum sitzt ein japanischer Nobelpreis-Anwärter. Tanikawa Shuntarô, dieser Name fällt häufig, wenn es um die Vergabe des Literaturpreises geht, ruht auf dem schlichten Stuhlmodell Jeff und wartet. Sein kleiner Körper steckt in einem weißen Rollkragenpullover, scheint bewegungslos, nur die Augen kreiseln durch das Zimmer. Und doch merkt man, dieser Mann muss unendlich klug sein. Esoteriker nennen so was Aura, jedenfalls hat er das, und der Raum ist voll davon. Auf dem Boden liegen Papier und Leinwand. Ein Eimer mit Tusche steht neben einem Tablett mit Küchenrolle. Ein anderer, auch ein Künstler, Rudolf zur Lippe, tappt auf Wollsocken herum. Er hat sich schon Gummiböcke an die Knie gebunden, um bequemer malen zu können. Der Japaner Tanikawa, Jahrgang 31, hat mit dem Schweizer Halter, Jahrgang 80, ein Kettengedicht verfasst. Lyrik also, bei der der eine eine Strophe vorlegt und der andere darauf antwortet. "Sprechendes Wasser" heißt das Werk und ist eine mäandernd flüchtige Reise vom Weltraum bis zu einem Bahnhof. Der Leser muss versuchen, oben zu schwimmen und sich nicht von den Tiefen verführen zu lassen. Das geht dann so hin und her. Na ja, und jedenfalls wollen die beiden Dichter, die von ihnen verfassten Strophen jeweils abwechselnd in ihrer Muttersprache lesen, während die beiden Maler eben dazu malen. Diese Vorgänge werden gefilmt und als Teil eines feierlichen Japan-Deutschland-Dialogs in der japanischen Botschaft gezeigt. Am Ende schließt Tanikawa nur die Augen. Er döst - als die Bilder noch nicht fertig sind.