Linie 1

Berlins größter Bühnen-Schlager als Film-Musical

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Peter Zander

Ein deutsches Filmmusical: Das gibt es ja eigentlich gar nicht.

Nachdem so viele Künstler der Tonfilmoperette durch die Nazis vertrieben und ermordet wurden, hatte das Genre hierzulande keine Tradition mehr. Und dann das: eine rotzfreche Nummernrevue, in der hemmungslos gespielt, gesungen und getanzt wird.

Die Erfolgsgeschichte beginnt im Jahre 1986. Da wird "Linie 1" von Volker Ludwig (Text) und Birger Heymann (Musik) am Berliner Grips-Theater uraufgeführt. Schon nach kurzer Zeit sind alle Aufführungen heillos ausverkauft, bald spielen erste westdeutsche Bühnen den Überraschungshit nach. Dann beginnt der Siegeszug sogar rund um die Welt: erst mit Tourneereisen des Grips, dann mit eigenen Adaptionen in Jerusalem, New York, Seoul und und und. Volker Ludwig, das wird gern übersehen, ist damit einer der meistgespielten deutschen Bühnenautoren überhaupt. Und schließlich gelangt sein Musical, das kennt man sonst nur vom Broadway, auch ins Kino.

Das Erfolgsrezept besteht darin, dass viele Touristen und Neubürger eine Metropole das erste Mal genau so erleben: durch eine Fahrt mit der U-Bahn. In Berlin aber führte der Weg - zumal in den achtziger Jahren, als die Stadt noch eine halbe war und "Kreuzberger Nächte" ein Gassenhauer - in die U1 zum Schlesischen Tor. Filmemacher Reinhard Hauff war nach eigenem Bekunden zuvor nie im Grips-Theater gewesen, hatte auch nie von der "Linie 1" gehört, bis ihm das Angebot gemacht wurde, sie zu verfilmen. Die Wahl überrascht. Der Regisseur steht für kontroverse Politfilme wie "Messer im Kopf" (1979), sein RAF-Film "Stammheim" hatte 1986 gar für einen Eklat auf der Berlinale gesorgt, als er den Goldenen Bären gewann. Aber Hauff, das wusste kaum einer, hatte davor auch Shows fürs Fernsehen inszeniert. Damit war er prädestiniert. Denn "Linie 1" war ja nicht nur schräge Unterhaltung; Volker Ludwig, der vom Kabarett kam und aufklärerisches Jugendtheater betrieb, ging es immer auch um soziopolitischen Gehalt.

An eine Realverfilmung war dabei nicht zu denken. Die Berliner U-Bahnhöfe hätten nur für zwei Stunden in der Nacht zur Verfügung gestanden. Hauff wollte die Bühnenherkunft aber gar nicht erst leugnen, sondern die "Illusion einer U-Bahn" erschaffen, wirklich und unwirklich zugleich. Die Linie 1 wurde deshalb in den CCC-Studios Haselhorst nachgebaut. Ein echter U-Bahn-Waggon wurde eingefahren, erwies sich aber als so schwer, dass das Wagengestell abmontiert werden musste. Verkehrte Welt: Um die Illusion der Fahrt zu erwecken, fuhr nicht der Wagen aus den Bahnhöfen, die Bahnsteige wurden aus dem Bild gerollt.

1988 eröffnete "Linie 1" die Berlinale. Die Geschichte ist fast ein Klischee: Ein Landei flüchtet in die Stadt und trifft hier auf ein schrilles Panoptikum - Spießer, Penner, Punks, Fixer, Ausländer und Ewiggestrige, unsterblich durch die längst zum geflügelten Wort gewordenen "Wilmersdorfer Witwen". Ein U-Bahnstationendrama, ein Zugkessel Buntes, in dem das Grips-Ensemble ständig in bizarrsten Verwandlungen wiederkehrt. Trotz aller Überdrehtheit ist der Film auch ein Zeit-Bild, zieht er doch einen aufschlussreichen Querschnitt durch die Kohl-Ära und No-Future-Generation.