Komische Oper

Was Sänger hinter der Bühne treiben

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Volker Blech

Manchmal kann Theater so einfach sein. Stefan Herheim zeigt an der Komischen Oper Händels "Xerxes" als Barockshow

Dieser Xerxes ist nicht ganz dicht. Das ist sogar historisch abgesichert: Der Perserkönig soll ernsthaft in eine Platane verliebt gewesen sein, laut Herodot. Und so kommt Xerxes auch in der Komischen Oper auf die Bühne stolziert und singt seiner Platane ein Ständchen. Aber mit der Liebe ist es nicht weit her, der eitle Geck wendet dem riesigen Baum schnöde den Rücken zu und tut alles, um dem Publikum im Saal zu gefallen. Und das wird immer hemmungsloser. Nein, Regisseur Stefan Herheim ist weder irgendeiner historischen Wahrheit auf der Spur, noch der Opernhandlung und den echten Gefühlen schon gar nicht. Die Barockoper soll einfach nur Spaß machen. Und das tut sie, das Publikum jubelt am Ende der Premiere. Es ist eine der besten, witzigsten Produktionen des Hauses und hat das Zeug dazu, ein Publikumsrenner zu werden.

Gleich zu Beginn erscheint Xerxes also mit einem der berühmtesten Stücke der Musikgeschichte, dem "Ombra mai fu" ("Schattige Ruh"), das Largo hat jeder schon tausendmal in allerlei künstlerisch-medialen Verwurstungen gehört. Bei Georg Friedrich Händel ist es das melancholische Gegenstück zum frohlockenden "Halleluja" aus dem Messias. Wobei dem Regisseur, der damit sein Debüt an der Komischen Oper gibt, bei der Probenarbeit wohl eher das Halleluja im Kopf herumgespukt sein muss. Gut drei Stunden lang wird alles mit wunderbarer Leichtigkeit überdreht, wird jedes gesungene Wort auf eine komische Ausdeutung hin umgedreht - dabei bleibt das Ganze eigentlich nur das klassische Spiel vom Theater im Theater. Eine Art Selbstbetrachtung, die Oper als Hofstaat.

Halleluja im Hinterkopf

Herheim kehrt dazu ins Londoner King's Theater des Jahres 1738 zurück und spielt die Variante durch, wie es rund um die Uraufführung von "Xerxes" ausgesehen haben mag. Gesine Völlm hat ihm viele kitschig-barocke Kostüme schneidern lassen und Heike Scheele eine Bühne, die ständig hin- und herpendelt und abwechselnd die alte Barockbühne oder links und rechts die Nebengelasse mit Garderobe freigibt. Hier finden sie statt, die Eifersüchteleien und Intrigen, die Verstellungen und Eitelkeiten, die sich schließlich auf der Bühne fortsetzen. Herheim gehört offenbar zu jenen Regisseuren, die glauben, dass Sänger backstage erst einmal alles durchspielen, was sie auf Bühne ausleben. Es sind viele Unanständigkeiten, vielleicht begrapschen sich die Akteure ein wenig zu oft.

Selbst die Mordlust bereitet Vergnügen: Während Xerxes im zweiten Akt über die unwillige Romilda wütet, bringt die Konkurrentin ihm nacheinander Messer, Pistole, Kanone und Armbrust herein. Die Kanonenkugel reißt ein riesiges Loch in die Bühnenrückwand, sorgt für Fröhlichkeit im Zuschauersaal und schafft es in die Pausengespräche. Theater kann manchmal so einfach sein. Herheim hat seine Inszenierung selbst eine "barocke Muppetshow" genannt. Tatsächlich nutzt er jede Vorlage, um aus der Opera seria eine Komödie zu machen.

Aber Herheim verfolgt eh andere Spuren: Selbst aus dem Namen Xerxes wird bei ihm in der Umkehrung ein "Sex rex", ein Sexkönig. Und in seiner Bühnenshow wird er zum Castingkandidaten, der - wie in TV-Shows zu beobachten ist - glauben muss, alle und jeden rumkriegen zu können. Dann wird barock gerockt. Bei aller Ausgelassenheit hat Herheims Inszenierung, die letztlich genauso verwirrend bleibt wie alle anderen davor, auch eine Botschaft: Die alte Kastratenoper, deren Hauptfiguren durchweg mit hohen Frauenstimmen singen, hat ihr eigenes Genderverhalten, das uns zweifellos sehr modern anmutet. Es kommt nicht darauf an, was du für Kostüme anhast, sondern wenn du begehrst. Am Ende dringt sie, die Amastris, in ihn, den Xerxes, ein. In dieser Händel-Ausdeutung ist einiges verkehrt.

Bei diesem "Xerxes" bleibt Konrad Junghänel am Pult gar nichts weiter übrig, als auf Tempo zu drücken. Es geht nicht um Besinnlichkeit, um das Atemholen, sondern um Beweglichkeit, um die Atemlosigkeit. Die Handelnden müssen in die Situationskomik getrieben werden. Wobei die Sänger sich überwiegend an der Rampe aufstellen, um das Publikum zu bezirzen. Sie zeigen sich durchweg in Bestform. Stella Doufexis als Xerxes sieht sich am Ende gefeiert, sie ist atemberaubend, aber zu wenig androgyn für diese Kastratenrolle. Das Schneidige ist ihre Sache nicht, eher warmherzig und mit viel Buffocharme führt sie ihren Mezzo durch die Partie. Gegenspielerin Karolina Gumos als Arsamenes ist kontrollierter unterwegs. Katarina Bradic als verschmähte Amastris bleibt ein Pulverfass vor der Explosion und Brigitte Geller singt eine affektierte Romilda. Alle sind allerliebst anzuschauen. Herheim hat ihnen eine prächtige Bilderwelt geschaffen. Die Komische Oper wird sich damit schmücken können.