Deutscher Filmpreis

Vom Kinder-Ensemble in die erste Liga

Vor zwei Wochen gewann Alina Levshin eine Lola. Seitdem hat sich ihr Leben schlagartig verändert

Bloß keine Preise kriegen! Es gibt ein hartnäckiges Gerücht, demzufolge Schauspieler, die etwa einen Deutschen Filmpreis bekamen, ein Jahr lang keine Angebote mehr gemacht werden. Weil alle glauben, man sei jetzt sowieso ausgebucht. Oder zu teuer. Oder zu wählerisch. Alina Levshin setzt noch einen obendrauf. Wer einen Oscar gewinnt, weiß sie, der lässt sich bald danach scheiden.

Die 27-Jährige hat keinen Oscar gewonnen. Aber eine Lola. Bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises hat sie am 27. April, als Jüngste, ihre erfahreneren Kolleginnen Sandra Hüller und Steffi Kühnert als beste Schauspielerin ausgestochen. Es gibt dennoch keinen Grund zur Sorge. Alina Levshin hat seither mehrere interessante Drehbücher in der Post gehabt. Zwei Filme werden schon in den nächsten beiden Monaten gedreht. Ach ja: Und eine Scheidung können wir auch ausschließen. Wir treffen uns im "Kvartira Nr. 62", die ihr Mann leitet.

Erst eine Tochter, dann eine Lola

Eine Bar in der Lübbener Straße in Kreuzberg, rund hundert Meter von Daniel Brühls Tapas-Bar entfernt. Eingerichtet im Stil russischer Kultursalons der zwanziger Jahre, mit russischer Küche und wechselndem Kulturprogramm. Während die Schwiegermutti in der Küche Bortsch, Pelmeni und andere Spezialitäten vorbereitet, serviert uns ihr Mann einen Kaffee und seiner Alina einen Tee. Keinen aus dem Samowar allerdings, sondern einfachen Fencheltee aus dem Beutel. "Das ist gut gegen Blähungen, wegen der Muttermilch." Alina Levshin ist erst vor fünf Monaten Mutter geworden. Von dem Lola-Abend hat sie deshalb nicht so viel mitbekommen, sie musste schon bald nach Hause, um das Töchterchen zu stillen. Aber, sagt sie, "so ein Preis ist wie ein Geburtstag. Nur nachhaltiger. Weil dir auch Tage später noch gratuliert wird."

Es war für Alina Levshin eine sehr bewegende Erfahrung. Schon nominiert zu sein, nach den wenigen Filmen, die sie bislang gemacht habe, sei ihr Auszeichnung genug gewesen. Aber dass sie dann mit dem Preis just auf der Bühne des Friedrichstadtpalastes stand, hat ihr fast die Sprache verschlagen. Hier hat sie neun Jahre lang getanzt, vom sechsten bis zum 15. Lebensjahr, im Kinderensemble. Seither war sie nicht mehr hier gewesen. Deshalb musste sie bei der Verleihung auch mal hinter die Bühne, "um zu schauen, wie das heute hier aussieht." Und sie war, wie alle, die an Orte ihrer Kindheit zurückkommen, überrascht: weil alles viel kleiner war, als sie es in Erinnerung hatte.

Alina Levshin ist 1984 in Odessa geboren. Sie kam mit ihren Eltern nach Berlin, als sie gerade mal sechs Jahre alt war. Die klassische "Russendisko"-Geschichte also, nur war sie zu jung, um den Umbruch sowohl in der Stadt als auch bei ihr zuhause zu verstehen. Ihr Lieblingsort war bis dahin immer der Kindergarten in Odessa gewesen, sie glaubte auch lange, eines Tages dahin zurückzukehren und alles wäre beim Alten. Große Enttäuschung. Wie sie das sagt, muss sie selber lachen. Der Friedrichstadtpalast war dann so was wie ein Ersatz. Und hier war ihr auch bald klar, dass die Bühne "mein Ding" ist.

Sie hat in Potsdam Schauspiel studiert, an der Konrad-Wolf-Hochschule. Und eigentlich drängte es sie immer zum Theater. Der Film kam eher zufällig. Und bot ihr immer wieder ganz ähnliche Rollen. In einem "Rosa-Roth"-Krimi hieß sie Irina und war eine ukrainische Prostituierte, in einem "Fall für zwei" hieß sie Jelena und war die russische Frau eines Geschäftsmannes, in Dominik Grafs Fernsehserie "Im Angesicht des Verbrechens" hieß sie wieder Jelena und war wieder eine ukrainische Prostituierte. Dann aber kam "Kriegerin". Plötzlich hieß sie Marisa und war eine ost-deutsche Neonazi, ausländerfeindlich, brutal, verstörend. Radikaler kann man wohl mit dem Stereotyp der Russin vom Dienst nicht brechen.

Ja, gibt sie zu, das war eine Kehrtwende um 180 Grad, und sie war sehr dankbar, dass sie das Angebot bekam. Auch wenn sie sich dafür eine schreckliche Frisur rasieren musste. Und Wochen brauchte, um die Marisa wieder aus ihrer Körpersprache wieder herauszubekommen. Wie sie uns hier gegenübersitzt und in kleinen Schlucken ihren Tee schlürft, grazil, fast zerbrechlich wirkend, mag man kaum glauben, dass sie dieses schreckliche Mädchen gewesen sein soll, vor dem man sich in diesem Film fürchten musste. Ja, es sei ein großes Wagnis gewesen, diesen Film zu machen. Zumal der Regisseur David Wnendt noch Hochschulabsolvent war und sich an ein Reizthema wagte, vor dem weit erfahrenere Regisseure zurückschrecken würden. Das hätte, gibt die Schauspielerin zu, auch ganz schön in die Hose gehen können. Aber sie wollte unbedingt mitmachen. Weil sie es wichtig fand, dass ein Film über Neonazis gemacht wird. Dass der so packend werden würde, dass es dafür gleich drei Deutsche Filmpreise geben würde, und eine Lola für sie, das konnte ja keiner ahnen.

Nun könnte man Angst haben, dass Alina Levshin ins andere Extrem getrieben wird. Als Böse vom Dienst. Nach "Kriegerin" wollten sie viele als Expertin zum Thema Rechtsextremismus befragen. Dabei sei auch das nur eine Rolle gewesen. Im Mai übernimmt sie als nächstes eine kleine Gastrolle in Matthias Schweighöfers zweiter Regiearbeit "Schlussmacher". Da spielt sie - eine Russin, die Tochter eines Oligarchen. "Aber da brech' ich mir kein Bein", sagt sie, "ich wollte da unbedingt mitmachen." Und schon im Juni beginnen die Dreharbeiten zu "Alaska Johansson", den Achim von Borries für den Hessischen Rundfunk inszeniert. Darin spielt sie eine sehr erfolgreiche Geschäftsfrau, die aber psychisch krank ist. Da kann Alina Levshin noch einmal beweisen, dass sie auch anders kann.

Nur im Dreierpack erhältlich

Von einem Tief, einer Durststrecke nach dem Preis kann also keine Rede sein. Für Alina Levshin stellt sich eher die andere Frage: Wie kriegt sie den Karriereschub mit ihrem Familienleben geregelt. Ihr Mann arbeitet gern bis tief in die Nacht in der Kneipe, und jetzt ist auch noch das Töchterchen da. Wie kann man da in anderen Städten drehen? Ja, seufzt sie, "das wird schwierig. Aber", fügt sie sofort hinzu, "uns gibt's nur im Dreierpack." Die beiden müssen einfach mit, "auch wenn das bedeutet, dass man ständig pendeln muss." Auch das ist ein Grund, warum sie so gern im "Kvartira" sitzt. Das ist ein Stück Heimat für sie. Das russische Essen. Und der Mann hinterm Tresen.

Der Film "Kriegerin" läuft derzeit noch im Eiszeit-Kino und am 18. Mai, 21.30 Uhr, im Freiluftkino Kreuzberg