Kunstsache

Grobe Darstellung, aber die Haltung stimmt

Tim Ackermanns wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Ich weiß, es gibt Leute, die sehen das jetzt anders: Aber für mich ist Jonas Burgert wirklich der langweiligste Maler Deutschlands. Dabei kann ich nicht bestreiten, dass er es handwerklich "drauf hat". Wenn Burgert Menschen malt, sehen sie auch aus wie Menschen. Das Problem ist, dass diese Menschen nie auch nur halbwegs aufregende Dinge tun. In dieser Hinsicht ist "Gift gegen Zeit" in der Galerie BlainSouthern eine typische Burgert-Ausstellung geworden: die Feier der eigenen Einfallslosigkeit im XXL-Format. Vier Meter hoch sind seine Leinwände und sieben Meter breit. Bevorzugt lässt einen der Künstler auf verwinkelte, verfallene Treppenlandschaften blicken, die Anselm Kiefer zweifellos interessanter hinbekommen hätte. Diese Zivilisationsruinenkitschkulisse stopft Burgert dann mit pseudosymbolischem Personal voll: hier Schamanen in bunten Tüchern, dort Pilger in weißen Gewändern und ein glupschäugiger Krötengott. Glocken bimmeln, ein Clown baumelt am Seil. Alle Burgert-Bilder sind so, und in jedem spürt man die unbedingte Gier nach dem großen Wurf: Dieser Künstler scheint allen zeigen zu wollen, dass er sowohl wahnsinnig fantasievoll als auch wahnsinnig bedeutsam sein kann. Dann tritt man näher an seine Malerei heran - und plötzlich ist alles nur noch flach. (Bis 7. Juli, Potsdamer Str. 77-87, Schöneberg)

Beim Aufstieg durch das Treppenhaus grübelte ich, weshalb BlainSouthern ihre neuen Berliner Räume mit Burgert eingeweiht haben. Die Galerie in der alten Druckereihalle des "Tagesspiegels" macht von den Ausmaßen her jeder Kunsthalle Konkurrenz. Doch Burgerts Auftritt wirkte auf mich wie die Parodie einer Museumsausstellung. Die Galerie zieht sich über zwei Etagen, und man muss im Treppenhaus nur einmal falsch abbiegen, um zu sehen, wie man es besser macht: In einem Seitenraum hat sich temporär Matthias Arndt mit einem "Project Space" eingemietet, in dem er den indonesischen Künstler Eko Nugroho zeigt: Krude bemalte Leinwände hängen von der Decke, verschleierte Gestalten sind darauf zu sehen und man kann Sprüche wie "Money, God and Sex" lesen. Nackte Rohrleitungen verlaufen an den Wänden. Es liegt Staub in den Ecken. Nugroho treibt sich unter anderem als Street Artist in seiner Heimatstadt Yogyakarta herum, und seine Ausstellung bei Arndt lässt jene Lust zur improvisierten Raumeignung erkennen, die in der Berlin schon immer gut funktioniert hat. Nugrohos visuelle Sprache mag grob wirken. Aber seine Haltung stimmt: Die Bilder erzählten von der indonesischen Gesellschaft, die zwischen Mythen und Moderne, zwischen extremer Religiosität und westlicher Konsumsucht zerrissen ist. (Bis 2. Juni, Potsdamer Str. 77-87, Schöneberg)

Bleibt noch die dritte Schau in der ehemaligen "Tagesspiegel"-Druckerei: Im alten Papierlager hat die Galerie Nolan Judin schon einige sehenswerte Ausstellungen gezeigt. Auch die Bilder von Alexander Ross fand ich nun ganz spannend. Grüne fremdartige Gewächse zieren seine Leinwände. Ich dachte dabei an radioaktiv mutierten Spargel oder den Angriff der Killer-Grippeviren. Der New Yorker Künstler arbeitet tatsächlich fast wie ein Wissenschaftler: Zuerst studiert er Pflanzenteile unter dem Mikroskop. Anschließend bildet er das Gesehene in Modellen aus Knetmasse nach. Er fotografiert die Modelle, bearbeitet die Fotos am Computer und am Ende überträgt er alles in peniblen Pinselstrichen auf die Leinwand. Der ganze Arbeitsprozess hat etwas angenehm Manisches: Im Grunde ist es wie "Malen nach Zahlen". Bloß dass so Formen entstehen, die sich Max Ernst in seinen wildesten Träumen nicht vorgestellt hätte.(Bis 9. Juni, Potsdamer Str. 83, Schöneberg)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien