Schauspielschule Ernst Busch

Aufstehen und schreien

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Judith Luig und Stefan Kirschner

Die Studenten der Schauspielschule Ernst Busch verstehen ihr Fach. Der Konflikt um einen Neubau schafft es als Politikum bis in Günther Jauchs Show

Ein perfektes Stichwort. "Das, was heute so charmant wirkt, verbraucht sich selbstverständlich", sagte Berlins Regierender Bürgermeister und noch bevor man überlegen konnte, ob Klaus Wowereit da gerade seine eigene Verwandlung vom coolen Partymeister zum ermüdeten Verwalter ansprach, ging ein Schrei durchs Publikum. Ein aufgewühlte Stimme brüllte etwas Unverständliches über einen "zentralen Standort" und auf den entsetzen Gesichtern von Günter Jauchs Gästen konnte man ablesen, das gerade etwas Unglaubliches geschah. Doch noch bevor die Kameras oder Jauch die Situation ganz begriffen hätten, war der Ruhestörer auch schon von den Sicherheitsleuten ergriffen und aus dem Saal geschleift.

Und so blieb es an Wowereit selbst zu erklären, worum es bei dem wütenden Protest gegen ihn ging. "Ich vermute mal Ernst Busch." Allerdings scheint die Politik immer noch nicht ganz verstanden zu haben, was da eigentlich passiert in der Schauspielschule, denn Wowereit schob hinterher. "Muss er sich aber auch nicht so echauffieren."

Das Publikum allerdings sah das anders. Als der Student auf Günther Jauchs Anweisung wieder in den Saal gelassen wurde, bekam er Applaus für seinen leidenschaftlichen Einsatz. Die Kamera zeigte einen erhitzten jungen Mann. Nur reden durfte er immer noch nicht.

Wie sich am Tag danach rausstellt, will er es auch gar nicht. Beim Abbau des Camps auf der Chausseestraße sucht man den jungen Wilden vergeblich. Einer der Sprecher der Studenten erklärte, dass man als Kollektiv auftreten wolle. Deswegen hätten sie schon im Vorfeld beschlossen, dass ihr Vorstreiter bei Jauch am Tag nach der Aktion erst mal abtauchten sollte, um etwaigen Heldenkult im Keim zu ersticken. "Er ist Zuhause", hieß es. "Wir brauchen keine Galionsfigur." Eigentlich hatten sie zu mehreren zur Sendung gehen wollen, sagte der Sprecher. Aber leider habe es nur noch eine Karte gegeben. Und er habe sie eben genommen. Was genau hat der Wütende nun zu Wowereit gesagt? "Wir haben keinen Text vereinbart. Es ging einfach darum, aufzustehen und zu schreien." Und sind sie mit der Aktion zufrieden? "Ja, sehr. Wir wollen Wowereit zwingen, sich öffentlich zu dem Thema zu äußern und es hat geklappt."

Der Held taucht unter

Man sei sehr stolz auf den Kollegen, sagen auch andere auf dem Platz. Na, ja, so ein bisschen Kult um ihn dürfte sich nicht vermeiden lassen, immerhin hat die Aktion das Problem der Ernst-Busch-Hochschule nun tatsächlich bis Berchtesgaden bekannt gemacht - auch wenn Günther Jauch vermutet hatte, dort würde es niemanden interessieren. Das Jauch ihren Mitschüler nicht sprechen lassen wollte, konnten einige angehende Schauspieler übrigens nicht so recht verstehen. "Die Sendung hatte doch schließlich das Thema Wahlen in Schleswig-Holstein und Politikverdrossenheit", sagte eine Studentin, "Und wenn man sich diese Politik in Berlin anschaut, dann kann man doch nur genug haben." Im Schauspielunterricht heißt das, was der Student bei Jauch gemacht hat, übrigens "sich eine Situation nehmen". Wie das funktioniert, konnte man am Sonntagabend eindrücklich beobachten. Hätte er am Tag danach diesen Triumph ausgespielt, hätte er sie auch in seiner Hand behalten.

Der Tag danach, er gehört wieder dem Kollektiv. Und das ist sauber. "Wem gehört das weiße Fahrrad hier?", ruft eine Frau in ihr Megafon. Es ist kurz vor 14 Uhr, gleich startet die Demonstration, die nebenbei auch ein Umzug ist. Vorher soll das Gelände besenrein geräumt sein. Die Rucksäcke und Koffer sind schon abtransportiert. Am vergangenen Mittwoch haben die Studenten die Brachfläche an der Zinnowitzer Straße besetzt. Sogar mit Genehmigung des Liegenschaftsfonds, wie eine junge Frau stolz erzählt. Es wurden Zelte aufgebaut, Lehrveranstaltungen durchgeführt, das Deutsche Theater gastierte hier mit dem "Faust". Es gab einen Generator und Dixie-Klos, nur das mit den Duschen, das hat nicht geklappt. Auch deshalb freuen sich viele, dass es zum bat-Studiotheater weitergeht. Die Studiobühne gehört zur Busch-Hochschule und wird am Ende der Demonstration besetzt. Die Infrastruktur dürfte dort besser sein - und das erste Ziel ist ja erreicht: Aufmerksamkeit erregen. Öffentlichkeit herstellen.

Demo vor dem Roten Rathaus

Dazu war der Ort der ersten Besetzung ideal: Das Gelände grenzt an die früheren Werkstätten der Opernhäuser. Es steht leer, eigentlich sollte dort demnächst mit der Sanierung und einem Neubau begonnen werden und das künftige Domizil der momentan auf vier marode Standorte verteilten Schauspielschule "Ernst Busch" entstehen. Bildungssenatorin Sandra Scheers (SPD) erklärte gestern, dass sie den Neubau unterstützt, aber die Entscheidung beim Parlament liege. Und das kippte auf Initiative des SPD-Politikers Torsten Schneider am vergangenen Freitag im Hauptausschuss das ganze Projekt, für das vier Jahre lang geplant wurde. Über die Gründe des plötzlichen Wandels wird spekuliert: Hat sich ein Investor gemeldet, der das Grundstück in Mitte kaufen will? Langsam kommen die prominenten Unterstützer auf das Gelände: Oppositionspolitiker, Schauspieler, darunter Nina Hoss und Peter Kurth, Regisseure wie Thomas Ostermeier und Jan Bosse, der jubelnd begrüßt wird, als er mit dem Laster des Maxim Gorki Theaters auf das Grundstück fährt. Dann startet die Demo, vorher wird noch die Aktion geübt, die vor dem Roten Rathaus gespielt werden soll: Ob Wowereit sich das anschaut? "Er weiß von dem Termin", sagt ein Polizist, und wünscht den Demonstranten viel Glück.