Schauspielschule

Abgeschoben an den Rand der Stadt

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Stefan Kirschner

Seit Jahren wird für einen Umzug der renommierten Schauspielschule "Ernst Busch" geplant. Jetzt ist alles Makulatur

Selten sind sich die Intendanten der Staatstheater einig. Aber in diesem Fall haben Frank Castorf, Ulrich Khuon, Armin Petras, Claus Peymann und Jürgen Schitthelm gemeinsam einen Brief an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit und die Fraktionsvorsitzenden von SPD und CDU geschrieben: Die Theaterchefs machen sich für einen Neubau der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" am Standort Chausseestraße stark. Der liegt nicht nur zentral in Mitte - das würde die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Theater, dem Berliner Ensemble, dem Maxim Gorki Theater und der Volksbühne erleichtern -, dort sollen auch die bislang vier verstreuten und baulich maroden Standorte der Hochschule zusammengefasst werden.

Unterricht im Zelt

Unterstützung bekommen die Studenten auch von der Akademie der Künste. Die appellierte ans Abgeordnetenhaus, an dem geplanten Neubau auf dem Areal Chausseestraße - dort waren früher die Opernwerkstätten untergebracht - festzuhalten. Die bisherige dezentrale Standortlösung für die verschiedenen Studienfächer behindere die künstlerische Ausbildung empfindlich, erklärte die Akademie auf ihrer Frühjahrsmitgliederversammlung an diesem Wochenende.

Auch beim Berliner Theatertreffen demonstrieren angehende Schauspieler, um auf ihre desolate Lage aufmerksam zu machen. Selbst Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) änderte daraufhin spontan seinen Text zur Eröffnung des Festivals und zeigte Verständnis für die Studenten. Das Publikum spendete lebhaften Applaus, dort saßen auch etliche frühere Schüler der renommierten Busch-Hochschule, denn ein Theatertreffen ohne Absolventen, das ist unmöglich. Wer die Ausbildung zum Schauspieler oder Regisseur dort beendet hat, hat allerbeste Chancen im deutschen Film- und Theaterbetrieb - die meisten landen schnell an einem großen Haus. Henry Hübchen lernte dort sein Handwerk, damals war die DDR-Schauspielschule allerdings noch nicht nach Ernst Busch benannt. Nina Hoss wurde noch als Studentin von Bernd Eichinger für "Das Mädchen Rosemarie" verpflichtet - und wurde dann Ensemblemitglied des Deutschen Theaters. Sie bekommt den Spagat zwischen Bühne und Film locker hin., dreht regelmäßig, räumt dafür oft Preise ab und übernimmt Hauptrollen im Deutschen Theater. Auch Devid Striesow, demnächst "Tatort"-Kommissar in Saarbrücken, Fritzi Haberlandt oder Jan Josef Liefers sind Busch-Absolventen.

Die zukünftigen demonstrieren seit einigen Tagen mit einer Zeltstadt auf dem Gelände an der Chausseestraße. Auf dem provisorischen Campus finden Lehrveranstaltungen statt, das Deutsche Theater spielte dort aus Solidarität "Faust", gestern Nachmittag trat Schauspieler Ulrich Matthes auf.

Kompromissvorschlag abgelehnt

Genutzt haben die Proteste bislang aber wenig. Am Freitagabend begrub der Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses mit den Stimmen der Regierungskoalition die Pläne für die Chausseestraße. Offiziell wegen Kostensteigerungen in Höhe von zwei Millionen Euro - bei 36 Mio. Gesamtkosten. Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters, besuchte gestern erneut das Studentencamp. Er findet den Beschluss "verheerend": Mit "einem Handstreich wird die Planung auf Null gesetzt. Das geht eigentlich nicht".

Einer, der am Freitagabend im Hauptausschuss dafür war, ist Christian Goiny. Der haushaltspolitische Sprecher der CDU-Fraktion hält einen zentralen Standort der Busch-Hochschule für verzichtbar und verweist auf andere Einrichtungen wie die Kunsthochschule in Weißensee, die ebenfalls nicht im Zentrum lägen. Auf die Ausgabendisziplin achten, das ist ein Satz, der häufiger während des Gesprächs mit Goiny fällt. In einem "vertretbaren Kostenrahmen" sei die Sanierung der Chausseestraße nicht möglich. Und von den Kompromissvorschlägen der Hochschule, den Raumbedarf zu reduzieren und eventuell auch auf eine Mensa zu verzichten, hält der Haushaltspolitiker nichts. An der Ausstattung solle nicht gespart werden. Bis Jahresende soll nun die Verwaltung wieder Standorte prüfen, das dürfte erneut mit Kosten verbunden sein. Die Sanierung der vier derzeitigen Standorte der Ernst-Busch-Hochschule in Niederschöneweide, Lichtenberg und Prenzlauer Berg genießt Priorität.

Wobei es in der SPD zaghaften Widerstand gibt, auch wenn die Abgeordnetenhaus-Fraktion bislang mehrheitlich einen Umzug ablehnt. Die Kreisdelegiertenversammlung Reinickendorf beschloss am Sonnabend den Antrag, dass sich der SPD-Landesparteitag und die Abgeordnetenhausfraktion für den geplanten Hochschulneubau an der Chausseestraße aussprechen möge. Wahrscheinlich wird dieser Antrag im Kampf um den Landesvorsitz untergehen. Vielleicht müssen die Theater-Intendanten noch einen Brief schreiben.