Theater

Beim Versuch, den Klassiker neu zu stricken, fallen viele Maschen

Im Maxim Gorki treffen "Paul und Paula" auf Heiner Müller und David Hasselhoff

Wenn die Freiheit, nach Heiner Müller, auch nur eine Hure ist, dann hat sie das Recht, den Preis zu bestimmen. Und alle, die an diesem Abend im Maxim Gorki Theater der "Legende vom Glück ohne Ende" nachspüren, haben ihn bezahlt. Paula etwa mit dem Leben. Für Paul hält Autor Ulrich Plenzdorf später auch kein erbauliches Ende bereit, und was aus David Hasselhoff nach "Looking for Freedom" wurde, ist hinlänglich bekannt. Der taucht neben Heiner Müller nämlich auch noch auf. Sie alle hat der junge Regisseur Robert Borgmann zu einem ausufernden Abend über trotzige Menschen auf der Suche nach Glück in einer fremd bestimmten Welt zusammen montiert.

Im Wesentlichen stützt er sich dabei auf zwei Texte von Ulrich Plenzdorf, der Erzählung "kein runter kein fern", mit dem der Autor 1978 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann, und dem Roman "Die Legende vom Glück ohne Ende", der den Kinoklassiker "Die Legende von Paul und Paula" inhaltlich noch weiterführte. Borgmann ist schlau genug zu wissen, dass d5er Film legendär ist. Also schickt er gleich zu Beginn erst mal fünf Seniorinnen auf die Rampe, die, mit Stricknadeln bewaffnet, sich anschicken, die Legende neu zu stricken. Leider werden im Lauf von drei Stunden reichlich Maschen fallen gelassen, kein Muster in Sicht.

Deutlich wird, was Robert Borgmann nicht will: Er will nicht ostalgisieren und nicht romantisieren. Aber einen alternativen Zugriff findet er nicht. Stattdessen gibt es auf der Bühne das große Wuseln. Dazu gibt's Blasmusik live, man singt "Über allen Gipfeln ist Ruh", auch die Puhdys dürfen noch mal den Drachen steigen lassen. Ganz charmant sind noch kleinere Andeutungen auf die bekannten Filmbilder. Ferner sind zwei glänzende Schauspielmomente zu vermelden. In beiden spielt Albrecht Abraham Schuch die Hauptrolle: Er ist jener Hilfsschüler aus "kein runter kein fern", der, ausgerechnet zum 20. Jahrestag der DDR, zur Mauer will, um von dort aus ein angebliches Stones-Konzert auf dem Dach des Springer-Gebäudes mitzuerleben. Und wie er sich hilf- und ahnungslos zerreibt zwischen dieser Sehnsucht und dem autoritären Vater, das hat wirklich große Klasse. Schuch spielt auch den jungen Paul und zusammen mit Julischka Eichel als Paula eine poetische erste Begegnung, als seien beider Körper komplett und nicht nur die Herzen entflammt. Später übernimmt Thomas Lawinky die Rolle des Paul und wirkt dabei in seiner ganzen Wuchtigkeit völlig gegen den Strich besetzt. Friederike Bernhardt kommt vor allem am Klavier zum Einsatz, Andreas Leupold in diversen Männerrollen und als Heiner Müller.

Insgesamt haben die Darsteller in der ganzen Bühnen- und Gaghektik aber wenig Chance zur Entfaltung. Und wenn Robert Borgmann erreichen wollte, dass die Zuschauer die alten, im Hinterkopf eingemeißelten Paul-und-Paula-Filmbilder ersetzen oder mindestens ergänzen um neue Bühnenbilder, dann ist das schief gegangen. So strickt man keinen Klassiker um, so leuchtet er umso strahlender hinter einem großmaschig gestrickten, löchrigen Umhang, der nur die Sicht versperrt auf eine wirklich schöne Geschichte.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Tel. 20 22 11 15. Nächster Termin: Dienstag, 19.30 Uhr.