Handwerk

Nofretete für jedermann

In der Charlottenburger Gipsformerei werden seit fast 200 Jahren Repliken bedeutender Kunstwerke gefertigt. Ein Besuch

Sie sind Stars des schönen Scheins: Der Ägypterkönig Ramses, der Sklave von Michelangelo und der Bamberger Reiter stehen hintereinander und tun so, als wäre nichts. Dabei gibt es wohl nur einen Ort in Deutschland, an dem ein Pharao, eine Renaissance-Statue und das berühmteste Reiterstandbild der Staufer ohne Erklärung für die zeitlichen Gräben, die zwischen ihnen liegen, in einem Raum zu finden sind. In der Modellhalle der Gipsformerei der Staatlichen Museen zu Berlin ist eine solche Anordnung ganz normal, hier stehen schon mal 3000 Jahre Kunstgeschichte beisammen. Die fast 200 Jahre alte Kunstmanufaktur, die bedeutende Museumsstücke aus Berlin und europäischen Sammlungen nachbildet, ist die weltgrößte Institution ihrer Art.

18 Handwerker, 7000 Formen

Zurzeit arbeiten die 18 Handwerker fieberhaft an den Repliken für die "Amarna"-Schau, die das Ägyptische Museum ab 6. Dezember zeigen will. Anlass ist der 100. Jahrestag der Nofretete in Berlin. Für die "Mythos Olympia"-Schau, die ab Ende August im Martin-Gropius-Bau zu sehen sein wird, hat die Gipsformerei den West- und den Ostgiebel des Zeustempels beigetragen. Aber nicht nur für Ausstellungen liefert die Werkstatt Exponate zu. Der irakischen Botschaft in Paris hat die Berliner Manufaktur bereits eine Nachbildung eines blau-goldenen Löwenfrieses des Ischtar-Tores aus dem Pergamonmuseum geliefert.

7000 Gipsabformungen besitzt die Werkstatt, verteilt sind sie auf drei Stockwerke in ihrem Sitz in unmittelbarer Nähe zum Schloss Charlottenburg. Mehrere Lageräume stehen voll mit Formen für die Repliken. Die größte Statue misst 42 Meter. 500 der Arbeiten sind Abgüsse von Kunstwerken, die mittlerweile zerstört, verschollen oder geraubt wurden. Diese historischen Formen haben großen Wert für die Fortschreibung der Kunstgeschichte, schließlich bilden sie die Grundlage für Repliken, die international an Museen, Forscher, Universitäten oder Privatsammler verkauft werden.

Miguel Helfrich ist der Mann, der die Berliner Kunstwerkstatt leitet. Er bekommt Anfragen aus ganz Europa. Das Geschäft mit den Repliken läuft mal besser, mal schlechter. "Zur Zeit sind unsere Auftragsbücher voll", sagt er. Natürlich hänge über den Nachbildungen oft der Nimbus der zweiten Wahl. Eine Reproduktion könne das Original eben nie ersetzen. Aber sein Team sei bemüht, sich immer stärker den Originalen anzunähern. So auch bei der geheimnisvollen Königin vom Nil. Die Nofretete ist nach wie vor das Kunstwerk, das in der Gipsformerei am häufigsten in Auftrag gegeben wird. Im Zuge der Ausgrabungen unter Ludwig Borchardt fanden die Archäologen 1912 die Büste der schönen Ehefrau Echnatons in den Ruinen der altägyptischen Stadt, dem heutigen Tell el-Amarna. Der Handwerker Thutmose hat das Abbild der Königin, die bis heute als Schönheitsideal gilt, in seiner Bildhauerwerkstatt geformt.

Zwei Wochen arbeiten Helfrichs Handwerker in der Werkstatt im zweiten Stock an einer Replik. 2011 wurde die Büste mit einem 3D-Scanner berührungsfrei vermessen, damit der sensiblen Schönen nicht die Farbe von der Haut blättert. In der Manufaktur wird dann Gips in eine Silikonform eingelassen.

Weißer Staub hängt in der Luft, der Raum ist lichtdurchflutet, denn die Handwerker brauchen die Helligkeit, um detailgenau arbeiten zu können. Einer der Handwerker schabt gerade mit einem schmalen Skalpell die letzten Bläschen ab. "Das geht nur, solange der Gips noch feucht ist", sagt Wolfgang Zühlke, der an der Feinretusche der Ägypterin arbeitet. Mit dem Medizinerwerkzeug kratzt er an dem rechten Ohr der Königin. Da es beim Original halb abgebrochen ist, muss die Nachbildung natürlich die gleichen Zeichen der Zeit aufweisen. Und auch die kleinen Augenfältchen, die Forscher vor ein paar Jahren mithilfe eines Computertomographen entdeckten, bleiben dem Double der Dame nicht erspart.

Die meiste Zeit benötigen die Maler, um der Königin zu ihren Katzenaugen und ihrer blauen Krone verhelfen. "Inzwischen versuchen wir wieder verstärkt mit Pflanzenfarben zu malen, um uns noch mehr an die altertümliche Kunst anzunähern", sagt Werkstattleiter Helfrich. Am Ende wird die Farbe an einigen Stellen wieder abgeschabt, damit die Nachbildung die gleichen Gebrauchs- und Transportspuren aufweist wie die echte Büste. 2900 Euro verlangt die Gipsmanufaktur für die Dame, die künftig in Museen oder in der Vitrine eines Privatsammlers so tut, als wäre sie die Echte.

Einst waren es die Preußen, die ihrem Geschmack nach zu wenige Kunstwerke besaßen und neidisch Richtung Italien blickten. Transporte waren teuer und überhaupt wollte man etwas Eigenes haben. "Also gründete man die Gipsformerei, die sich um Abformungen der italienischen Originale bemühen sollten", erklärt Miguel Helfrich. Schon Goethe habe sich schließlich für die Reproduzierbarkeit von Kunst ausgesprochen. Er sei einer der besten Kunden des Hauses gewesen. Seit 1819 macht die Berliner Manufaktur Kunst mobil. Werden Berliner Stücke an andere Häuser ausgeliehen, springen die Repliken aus der Gipsformerei ein. Die Kunsthandwerker machen so gut wie alles möglich. Sie lassen Gips aussehen wie Holz, Elfenbein, Basalt, Kacheln, Ton, Eisen, Terrakotta oder auch Rosengranit, wenn es sein muss.

Laokoon in vier Fassungen

Die Laokoon-Gruppe, die den Trojaner mit seinen Söhnen beim Todeskampf zeigt, ist sogar in vier verschiedenen Fassungen zu haben. Der Priester versucht sich entweder mit gestrecktem rechten Arm, die Schlangen vom Hals zu halten, so wie ihn Michelangelo schuf, oder mit dem originalgetreu abgewinkelten Arm, wie ihn Ludwig Pollak 1905 fand. Im Jahr 1759 hielt es Papst Clemens XIII. in Rom für unerhört, dass das Gemächt des Priesters in der Marmorgruppierung unbedeckt war.

Also, so berichtete Johann Joachim Winckelmann, ordnete er an, "dem Laocoon und den übrigen Statuen im Belvedere ein Blech vor den Schwanz" zu hängen. Die Römische Zensur sollte für Anstand sorgen. In der Berliner Gipsmanufaktur ist der Priester heute also mit zwei verschiedenen Armhaltungen, bedeckt mit einem Feigenblatt aus Gips zu erstehen und auf Wunsch eben auch ohne.