Musik

Im Berliner Dom leben Töne um Sekunden länger

Trompeter Daniel Schmahl über die Tücken der Akustik

Durch Seitentüren, vorbei an den Touristenströmen, führt Daniel Schmahls Weg. Der Trompeter will gleich zur Orgelempore hinauf, seinem Lieblingsort, wie er lächelnd sagt. Jeder Besucher des Berliner Doms kann etwas finden, was ihn anzieht, ihn beeindruckt. Eigentlich braucht jeder nur nach oben zu schauen. Dem früheren Dombaumeister Rüdiger Hoth war ich einmal über die riesige Kuppel hinterher geklettert. Die Kuppel war im Zweiten Weltkrieg zerbombt und erst in den späten DDR-Jahren wieder rekonstruiert worden. Leider nur mit schlechterem, damals verfügbarem Stahl. Und bei dieser Erklärung klopfte der Ingenieur auf einen Träger und murmelte so etwas wie: Gut, für die nächsten 300 Jahre reichts. Dombaumeister müssen in anderen Zeitdimensionen denken.

Der Berliner Trompeter steht dagegen für die vergänglichste Kunst, die Musik. Töne erklingen und ersterben noch in der Luft. Aber Daniel Schmahl weist gleich darauf hin, dass selbst dieses Gesetz im Dom so nicht gilt. Wir reden über gut sechs Sekunden Nachhallzeit, was auch mit der Kuppel zusammen hängt. Die Musik lebt also länger im Dom, gewinnt ein Eigenleben. Nur macht es dieser Effekt den Musikern in ihren Konzerten nicht leichter. "Wir müssen vorher viel miteinander spielen, uns aufeinander einhören, damit es in der Kirche unten übereinander liegt", sagt Schmahl, der heute in einem Konzert für Trompete, Percussion und Orgel auftritt. "Man groovt sich ein", meint Schmahl, auch wenn man oben auf der Empore zeitversetzt spielen muss.

Daniel Schmahl, 1969 in Potsdam geboren, stammt aus einer Musikerfamilie. Vater Gustav Schmahl war ein gefragter Sologeiger, zeitweilig Konzertmeister des Berliner Rundfunk-Sinfonieorchesters, später Rektor der Leipziger Musikhochschule. In Leipzig hat sein Sohn Daniel die Musik von Johann Sebastian Bach in sich aufgesogen. Aber Geiger wie sein Vater wollte er nicht werden, er wählte die Trompete und kam zum Studium an die Berliner "Eisler"-Hochschule.

Jazz auf dem zweiten Bildungsweg

"Ich bin kein klassischer Frackträger", sagt Schmahl, andererseits wollte er immer nur Solist sein. Er hat nach seiner Nische gesucht. Heute gibt er 50 bis 60 Solokonzerte pro Jahr, überwiegend in Deutschland, aber auch in Skandinavien oder Russland. Er ist wie ein Kirchenmusiker unterwegs, der landauf, landab Dome und Klöster bespielt, zumeist mit den Organistenkollegen Johannes Gebhardt und Matthias Eisenberg. Schmahl selbst ist ungetauft, betont aber seine christliche Gebundenheit. Was ein bisschen auch mit Bach zu tun habe. "Jazz kam auf dem zweiten Bildungsweg hinzu", sagt der Trompeter. Seine erste CD hieß "back to bach", im Juni erscheint "Chattin' with Bach". "Die Musik von Bach eignet sich wie kaum eine andere dazu, Themen und Motive herauszunehmen und darüber zu improvisieren." Es ist seine Art der Läuterung. Irgendwann verlassen wir die Empore, gehen durch den Kirchenraum. Der Lärm der Touristen hallt uns nach.

Berliner Dom Konzert "De Vita Christi" mit Daniel Schmahl heute, 20 Uhr