Interview mit Noel Gallagher

"Keine Band taugt mehr was"

Noel Gallagher, Solo-Künstler und Oasis-Überlebender, über banale Alltagsdinge, schlechte Hits und sein zweites Album, an dem er werkelt

Die Welle der Sympathie, die Noel Gallagher allerorten entgegenschlägt, übertrifft fast die späten Erfolge von Oasis. Eins ist klar: Nach der Oasis-Trennung macht Noel, Jahrgang 1967, die bessere Figur als sein Bruder Liam. Im Sommer geht er nun mit den High Flying Birds auf große Festival-Tournee. Torsten Groß sprach mit dem britischen Musiker über seinen musikalischen Solopfad.

Berliner Morgenpost:

Welches Accessoire darf auf Tourneen im Reisegepäck nicht fehlen?

Noel Gallagher

Es gibt eine Menge Sachen, die immer dabei sein müssen, aber am wichtigsten ist mein iPod.

Beachtlich, angesichts der Tatsache, dass Sie bis vor wenigen Jahren nicht einmal einen Computer besaßen. Vom wem haben Sie das gelernt: Computernutzung, Musik downloaden?

Das musste ich mir selbst beibringen. Der Typ im Laden hat ein paar Sachen erklärt, und dann ging's los. Ich nutze meistens ein iPad, das ist idiotensicher. Der iPod muss also dabei sein - und Tee! Das zweitwichtigste ist Yorkshire-Tee. Und natürlich braucht man eine Sonnenbrille.

Gibt es Auftritte, auf die Sie sich beim Hurricane/Southside-Festival freuen?

Absolut. Am meisten freue ich mich auf die Stone Roses, bislang hab ich keins ihrer Konzerte gesehen, seit sie wieder zusammen spielen.

Freuen Sie sich auch auf jüngere Bands?

Nein, auf keine einzige. Es gibt zurzeit keine einzige neue Band, die etwas taugt. Einige von ihnen haben gute Einzelsongs. Ich mag zum Beispiel ein paar Sachen von Foster The People, aber deshalb würde ich mir noch nicht das Album kaufen. Diese Generation scheint keine gute Musik zu haben, es gibt nichts mehr da draußen außer Casting-Show-Gewinnern, es ist schrecklich.

Inwiefern ist hinter der Bühne ein Konkurrenzdruck zwischen den Künstlern zu spüren?

Vielleicht gibt es das unter den anderen Bands, aber mich betrifft das nicht. Ich habe schließlich mehr Hits als jeder andere.

Sie sind seit einigen Monaten als Solokünstler auf Tour. Zu Beginn fürchteten Sie, der Rolle als Frontmann nicht gewachsen sein zu können. Haben Sie diesbezüglich inzwischen ein neues Selbstverständnis entwickelt?

Kennen Sie den Song "Moves Like Jagger"? Bei mir müsste er eher "Moves Like Wyman" heißen. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Wie hat Ihnen Jay-Zs Version von "Wonderwall" gefallen, mit der er vor drei Jahren seinen Glastonbury-Auftritt eröffnet hat?

Keine Ahnung, ich habe sie nie gehört. Natürlich wurde mir davon berichtet.

Damals war es im Vorfeld der Veranstaltung zu einem medial ausgetragenen Streit zwischen Ihnen beiden gekommen, weil Sie die Meinung vertraten, ein HipHop-Künstler hätte auf einem Rock-Festival nichts verloren. Finden Sie immer noch, dass gewisse Genres bei entsprechenden Festivals ausgespart werden sollten?

Man hat das Gefühl, dass jeder alles gut findet, es gibt keine Grenzen mehr. Vor einigen Jahren sind wir mit Oasis auf dem Hurricane-Festival aufgetreten. Wir spielten spät nachts auf der zweiten Bühne, vor uns kamen Rammstein. Wir standen also vor einem Haufen Rammstein-Fans − und sie fanden uns alle super. Wir konnten es gar nicht fassen, da wir eigentlich damit gerechnet hatten, ausgebuht zu werden. Ich meine: Kann man Oasis und Rammstein gut finden, ist das wirklich möglich? Aber so läuft das heute. Jeder beschäftigt sich mit den unterschiedlichsten Musikrichtungen, was ich seltsam finde.

Was geht einem durch den Kopf, wenn man vor einem Riesen-Publikum wie beim Glastonbury steht? Denkt man auch an banale Alltagsdinge?

Zu Oasis-Zeiten gingen mir bei diesen Megashows teilweise die seltsamsten Dinge durch den Kopf: Habe ich daran gedacht, den Videorekorder zu programmieren? Sollte ich eventuell dieses eine bestimmte Bild in meinem Wohnzimmer woanders aufhängen? Oder endlich das Bad ein bisschen schöner machen? Völlig verrückt. Bei meinen heutigen Konzerten muss ich mich hingegen so sehr darauf konzentrieren, nicht den Text oder eine Note zu vergessen, mich wie Bill Wyman zu bewegen, dass kein Raum für andere Gedanken bleibt.

Wo werden Sie am 30. August 2014 sein?

Das "Definitely Maybe"-Jubiläum? Nun, ich werde aller Voraussicht nach in Brasilien am Strand sein, mit einem guten Drink in der Hand.

Also nicht gemeinsam mit Liam und den anderen auf irgendeiner großen Bühne?

Auf gar keinen Fall. Das ist keine Option.

Was war Ihr größter Rock'n'Roll-Moment bei einem Festival?

Unser erster Glastonbury-Auftritt. Wir sollten sonntagnachmittags um zwei spielen, sind aber bereits Donnerstagnacht angereist. Wir hängen also da ab, und irgendwann kommt so ein Typ und meint, wir sollten uns für den Auftritt fertig machen. Ich fiel aus allen Wolken, weil ich fest davon überzeugt war, bereits am Vortag aufgetreten zu sein. Wir haben haufenweise Drogen genommen, und ich konnte mich an nichts mehr erinnern.

Wann ist eigentlich mit Ihrem zweiten, eher experimentellen Album zu rechnen?

Keine Ahnung. In ihrer jetzigen Form bin ich nicht glücklich mit den Aufnahmen. Anfangs dachte ich, man könnte sie so veröffentlichen, aber dann war die andere Platte so extrem erfolgreich und ist immer weiter gewachsen ... Mir wurde klar, dass diese unveröffentlichten Aufnahmen in der jetzigen Form da einfach nicht mithalten können. Ich werde also eine Menge daran arbeiten müssen. Aber jetzt bin ich erst mal noch mindestens bis November auf Tour und habe keine Zeit. Und dann ist schon wieder Weihnachten. Wer weiß, das danach kommt? Vielleicht mache ich auch gleich was ganz Neues, es gibt so viele Songs.

Haben Sie besondere Pläne für Ihren Hurricane-Auftritt?

Nein, das lohnt sich nicht. Wir können ja keine besondere Produktion auffahren, da wir kein Headliner sind. Wird aber trotzdem gut. Wir spielen alle Hits.

Das Interview führte Torsten Groß für die aktuelle Ausgabe des "Rolling Stone". Am Kiosk erhältlich.