Peaches

"Ist doch ganz cool"

Peaches sagt, dass sie keine Ahnung von Oper hat. Trotzdem singt sie die Titelrolle in "L'Orfeo". Morgen Abend ist Premiere

Auf dem Parkplatz hinter dem Theater Hebbel am Ufer (HAU) in Kreuzberg spielen die Pausemacher Federball. Der fällt auf die Motorhaube eines dunklen BMW. Auf der kleinen Erhöhung unter dem rot lackierten Stahltreppenhaus gegenüber den Parkplätzen geht die Tür auf. Vor dem Mülleimer und dem Putzwagen - die schmutzigen Mobs hängen dahinter am Geländer zum Trocknen - steht Peaches. Einfach so mit ihren schweren mit Nieten besetzten Lederstiefeln und tippt auf ihrem Telefon herum. In amerikanischen Kriminalserien wäre das die perfekte Kulisse für eine Crack-Übergabe.

Die blond verfärbten Haare kaschieren den Grauansatz ihres eigentlich schwarzen Haares. Ist aber auch ok für 45. Jedenfalls sieht sie mit der passenden Lederjacke und den knallhart abrasierten Seiten - Undercut nennt man diese Frisur, die ihre Ursprünge im Punk hat, jetzt aber viele tragen - gefährlich aus und schaut so, als ob sie wüsste, dass sie unbesiegbar ist, und das bei einer Körpergröße von geschätzten 1,60 Metern. Aber so fühlt man sich eben, wenn man von der Popperin zur Primadonna wird und in Monteverdis Oper "L'Orfeo" die Hauptrolle spielt.

Auf dem Weg zum Theater-Café schweigt sie und tippt weiter. Türen kann Peaches ihren Begleitern so nicht aufhalten, sie schlüpft lieber durch die sich schließenden Pforten. Wie in einem Jump'n'Run kommt es hier auf das richtige Timing an. Zehn Minuten müssen vergehen bis sie den ersten netten Satz sagt. "Could I have some Leitungswasser", ohne "Please" und zur Kellnerin, dafür aber mit einem Lächeln. Das wirkt beinahe so wie der Versuch im Urlaub mit dem schlechtesten Hören-Sagen-Französisch "ün croassant silwuplä" zu bestellen.

Peaches ist ein Stück Prenzlauer Berg

Vor über zehn Jahren beschloss diese kleine Kanadierin ihren Namen Meril Beth Nisker abzulegen und sich nach einer farbigen Frau aus dem Nina-Simone-Song "Four Women" zu nennen. Sie zog nach Berlin, irgendwo um die Kastanienallee herum. Seitdem ist sie ein Stück Prenzlauer Berg. Ein Stück Berliner Society, das zu Gala-Dinners eingeladen wird, bei der Fashion Week rumturnt. Ihr Mann macht das Berlin Festival. Peaches ist angekommen in ihrer neuen Heimat. "Stoppt K21", ein Bürgerbegehren gegen den Umbau der Kastanienallee, unterstützte sie mit einem Konzert auf einer Demo. Das hat schon was. Eine kanadische Künstlerin, die mit Feist, Joan Jett, Iggy Pop und Pink Songs aufgenommen hat, macht auf einmal das Kleinbürgerlichste, das Spießigste der Welt und demonstriert gegen eine Verkleinerung von Gehwegen. "Die im Nachhinein doch ganz ok ist", nur die Oderberger Straße habe man ruiniert, dort fehle es jetzt an Grün, sagt sie und dreht den rechen Zeigefinger in eine blonde Strähne.

Als im Jahr 2000 ihr erstes Album "The Teaches Of Peaches" erscheint, ist das eine kleine Sensation. Auf einem Berliner Mini-Label veröffentlicht, verkauft sich die Platte über 40.000 Mal. Niemand weiß so wirklich, wer diese verrückte Frau ist, die irgendwie super-feministisch, aber auch lustig sein kann. Die als Befreiungsschlag "Fuck The Pain Away" singt, oder. Die stumpfe Punkriffs mit noch stumpferen Elektro-Beats zusammenführt. Wenn Rapper in ihren Songs mit mehreren Frauen schnackseln dürfen, darf Peaches das schon lange und macht es trotzdem anders. "Two guys for every girl" klingt dann die Forderung in Songform.

"Ich hatte wirklich Angst"

Lange bevor Lady Gaga verrückt und queer sein als Markenzeichen einer neuen Weiblichkeit entdeckte und Rihanna auf einem Panzerrohr zwischen ihren Beinen ritt, propagierte Peaches einen provozierenden Trash-Feminismus mit umgeschnalltem Gummi-Phallus. Nach den Unschuldsengeln Christina Aguilera und Britney Spears tat das ganz gut. Sie kam dann auf Einladung von HAU-Chef Matthias Lilienthal zum Theater. Er wollte irgendwas mit Peaches machen. Das erste, was ihr einfiel war "Jesus Christ Superstar" - als One-Woman-Show. Gekauft. "Peaches Christ Superstar" war geboren, danach "Peaches does herself". Und jetzt singt sie Oper, obwohl sie davon keine Ahnung hat. Regisseur Daniel Cremer und Dirigent Olof Bomann werden's schon richten. Nie zuvor hat sie irgendeine Oper gehört, Italienisch kann sie auch nicht. Das Libretto, den Operntext also, lernt sie mit Lautschrift. Die Noten notiert sie in einem eigenen System, Violin- und Bass-Schlüssel vermag sie nicht zu lesen. Keine idealen Voraussetzungen.

Das Leder bäumt sich knarzend unter ihrem anschwellenden Brustkorb auf, die Schultern wandern weiter nach hinten. Peaches intoniert ein astreines Klischee-Opern-Aaa. Der lang gezogene Vokal eiert ein bisschen um eine mittig gleichbleibende Frequenz, Vibrato heißt das und macht ganz schön Eindruck. Und dann blättert endlich diese Fassade aus ledriger Über-Coolness mit Sonnenbrille ab. "Ich hatte wirklich Angst", alle hätten so gesungen, sagt Peaches. Sie alleine zwischen lauter professionellen Sängern. Sie hatte das Gefühl, mit ihrer ungeschulten Stimme könnte sie jemanden beleidigen - und das wollte sie nicht. Nicht die Opern-Typen vom Ensemble, nicht das Theater, wirklich niemanden. Der Soya-Latte scheint ihr zu schmecken. Noch ein Schluck, dann ist sie wieder einsilbig und ewig pubertär.

Wenn erwachsene Menschen auf eine Frage "Keine Ahnung" antworten, ist das irgendwie seltsam. "L'Orfeo" feiert am 1. Mai Premiere, noch dazu in Kreuzberg. Das kann doch kein Zufall sein, oder? "Keine Ahnung. Ist doch ganz cool". Das "cool" klingt dann noch seltsamer. Zum Bühnenbild, zu den Kostümen, zum Peaches-Ansatz, die griechische Sagengestalt Orpheus zu spielen, will sie nicht viel sagen. Ihre Antwort ist stets "Das müssen Sie den Regisseur fragen". Aber, das fällt ihr dann doch ein, ihr Kostüm, sei "cool" und garantiert ohne Phallus. Und Orpheus sei dann doch irgendwie sexuell, aber genauer könne sie nicht mehr werden. Sie wolle nicht zu viel verraten.