Ausstellungen

Wo es nach Schinken riecht, wird's gut

Er hat denselben Galeristen wie der derzeit gefragte Julian Schnabel: Mit dem Berliner Zeichner Ralf Ziervogel durchs Gallery Weekend

Das ist so ein typischer Wahnsinns-Medien-Hauptstadt-Event-Tag. Im Friedrichstadtpalast wird der Deutsche Filmpreis verliehen, im Rest Berlins wütet das Gallery Weekend. Für die, die dazugehören, und das sind gefühlt alle Menschen, die man auf der Straße trifft, ist "Filmdings oder Kunstzeugs?" eine der schlimmsten Fragen des Jahres. Selbstverständlich neben der Fashionweek-Gretchen-Frage "Zur Premium-Party oder zu Boss?".

Ralf Ziervogel hat sich fürs Gallery Weekend entschieden. Obwohl - er ist selber Künstler, bei Contemporary Fine Arts (CFA), der Galerie, die Jonathan Meese, Daniel Richter und den derzeitigen Kunst-Gott Julian Schnabel unter Vertrag hat - er eigentlich nur so mittel Lust darauf hat. Weniger wegen der Ausstellungen, Robert Longo will er zum Beispiel unbedingt sehen, sondern mehr wegen der Leute. Wegen einiger Leute. "Ekelerregend, zum Kotzen", sind Wörter, die er dann benutzt. Und mal ehrlich, wenn da vier reiche, mexikanische Schmierhansel kommen, die dem Künstler ins Gesicht sagen "Was ist das denn für eine Scheiß-Ausstellung. Nichts zu trinken. Deinen Müll kauf ich bestimmt nicht" und dann wieder gehen, wie es Ziervogel schon passiert ist, kann man das auch nachvollziehen.

Seit acht Jahren wohnt er in Berlin. Gerade in einem dieser Sozialisten-Türmchen am Strausberger Platz. Studiert hat er in Hamburg und Berlin. Mit 17 war er Leistungsschwimmer. Schule war doof. Niedersachsen, da ist er aufgewachsen, langweilig. Um 16 Uhr steht Ziervogel rauchend in der prallen Nachmittagssonne am Kupfergraben, trägt graue bis über den Knöchel reichende Stiefel, darin steckt eine blaue Chino-Hose, die schwarze Jacke, so eine Art legerer Flieger-Blouson, kaschiert elegant, dass er nur ein ärmelloses, schwarzes Unterhemd darunter trägt. Aber eigentlich sieht man das alles gar nicht, weil man nur seine Haare betrachten kann. Seine Frisur ist ein Bob, der so präzise geschnitten ist, wie es eigentlich gar nicht möglich ist. Wo die Stirn zur Schläfe wird, formt das schlichte Braun seiner Haare ein spitz auf den Boden deutendes Dreieck. Die Ohren sind frei. Der Nacken perfekt ausrasiert. Und der Knaller ist, der 37-Jährige macht das auch noch selbst.

Zwanghaft lustig

Es ist diese totale Ziervogel-Präzision, die einen sofort fasziniert. Wenn man sich seine Zeichnungen anschaut - früher hat er auch Filmkunst, Skulpturen und Installationen gemacht - denkt man irgendwie, er müsste zwanghaft sein. So detailversessen, zwanghaft I-Bäh-lustig. Mit ganz feinen Tintenstrichen lässt er verformte Fettmenschen sexuell und sehr gewaltvoll miteinander verschmelzen. Aber da ist in Wahrheit nichts Zwanghaftes dahinter, sondern purer Spaß am Spinnen. Beim Zeichnen kichert er bestimmt.

Im unteren Saal der CFA-Galerie hält sich die Besucherzahl noch in Grenzen. Vor dem Riesen-Bild "Good Friday" von Julian Schnabel steht ein älteres Pärchen. Er, taubenblaues Jacket mit brauner Hose. Sie, braunes Jackett, dafür mit blauer Jeans. Optisch ergänzen sich die beiden schon mal gut. Typisches Arme-hinter-dem-Rücken-Stolziere von ihm, typisches Wasser-aus-kleinen-Plastikflaschen-trinken von ihr. Auf und ab geben. Kopf drehen. "Toll" sagen, "ui, das ist aber groß". Beide scheint es auch nicht zu verwundern, dass da ein Schaf über eine Gruppe von Soldaten in einer Art Märchenmalerei herumblökt. Ziervogel findet Schnabel jetzt nicht so pralle. Reicht ja auch.

Also zu Jenny Holzer in die Galerie Sprüht Magers. Wie Schnabel ist Holzer Anfang der Fünfziger in Amerika geboren. Aber das ist vielleicht schon die größte Gemeinsamkeit. Im Gegensatz zum kitschigen Märchenonkel Schnabel ist Holzer die kühle Kantige. Ekstase gegen Ratio. Bei der nächsten Zigarette auf einer Jenny-Holzer-Bank im Garten hinter dem Gebäude plant Ziervogel den weiteren Verlauf unserer Reise. Es wird richtig gut als es nach Holsteiner Katenschinken riecht. Das ist dann schon in der Galerie Capitain Petzel. Barack Obama guckt wie sonst nur der Weißkopfadler. Nach vorn, über den Dingen schwebend, zielstrebig. Toll, ein Foto. Erst dreißig Zentimeter vor dem mannshohen Porträt merkt man, dass das Bild mit Kohle gezeichnet ist, deswegen auch der Schinkengeruch. Fotorealismus ist etwas, was man nicht mehr selber machen muss. Das machen bestimmt Assistenten, mutmaßt Ziervogel. Robert Longo wird das bestimmt nicht gerne höre. Das sei aber wirklich wie Malen nach Zahlen. Es werde vorher genau festgelegt, wo welcher Farbton zu sein hat auf dem Riesenpapier. Mit einem Projektor werde die Vorlage, ein Foto eben, auf das Blatt gestrahlt und dann kann das eigentlich jeder, der so viel Zeit hat.

Proppenvolle Mädchenschule

Vielleicht Zeit, zur Jüdischen Mädchenschule in die Auguststraße zu gehen. Um 20 Uhr ist es da proppenvoll. Sind ja auch gefühlte 100 Galerien drin und das neue Grill Royal Restaurant, das MoMA-Dinner, Klaus Biesenbach, dieser weißhaarige Deutsche, der auch Ziggy Stardust sein könnte und auch zum MoMA gehört, ein Vorstandsvorsitzender, die Künstlerin Peaches, Dieter Meier von der Band Yello, der von lauter jungen Damen umgarnt wird - und das trotz Jahrgang 45. Hier muss man bleiben. Ach ja, Anton Corbijns Fotos sind echt gut, die von Jean-Baptiste Huynh fotografierte, geschlossene und wasserbeperlte Blume sieht eher nach Mapplethorpe aus, findet auch Ziervogel. Der rückt sich noch mal die Frisur im spiegelnden Glas einer Fotografie zurecht.

Nach etwas mehr als vier Stunden sind wir dann wieder bei CFA. Ziervogel setzt sich auf die steinerne Brückenbegrenzung und schaut ins Fenster seiner Galerie. Zwei Männer-Frauen mit Glatze und in rosa Kleidern kommen aus der Tür. Wichtige Leute mit Einstecktüchern gehen rein und wieder raus. Und der Himmel ist rosa. Und Ziervogel sagt einfach: "Kunst kann man wieder hassen."