Kunstsache

Die Verfassung wird mit Knoblauch zu Wurst verarbeitet

Tim Ackermanns wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Ein tierischer Knoblauchgeruch weht durch den Raum. An einem langen Tisch steht der Künstler, reißt Seiten aus einem Buch und jagt diese durch einen Schredder. Die Schnipsel vermengt eine Assistentin anschließend mit Wasser, Hackfleisch und offenbar vielen dieser aromatischen weißen Knollen aus der Gattung der Lauch-Arten. So entsteht der für eine Kunstgalerie unerwartet würzige Duft. Das versammelte Gallery-Weekend-Publikum drängelt sich vor dem Tisch. Der kleine Sohn eines berühmten Kunstsammlers macht große Augen. "Kommt das Buch jetzt wirklich in die Wurst?", fragt er etwas ungläubig, aber schon sehr begeistert. So etwas finde ich großartig: Dass die Kunst auch nach so vielen Tausenden von Jahren noch verblüffen und faszinieren kann. Ja, jetzt nimmt tatsächlich ein zweiter Assistent den Papiermatsch und stopft ihn in die Pelle. Der Künstler Rirkrit Tiravanija macht Wurst - also Kunst - und das Buch, dass er dabei verarbeitet, ist nicht irgendeines. Tiravanija verwurstet die Thailändische Verfassung, denn Thailand ist eine Monarchie und die Verfassung ein dürrer Witz. Das Ganze ist eine Protestperformance. Die Würste werden in den nächsten Tagen zum Trocknen aufgehängt. Doch nach der Kunstmetzgerei am Freitagabend gehört die Schau bei Neugerriemschneider bereits jetzt zu den eindeutigen Höhepunkten des Gallery Weekend. (Bis 30. Juni, Linienstraße 155, Mitte)

Eine ähnliche Mischung aus schöner Hülle und schaurigem Inhalt bietet die Ausstellung von Jenny Holzer in der Galerie Sprüth Magers. Man kann die weißen Lichtblitze im Raum und die blinkenden roten und blauen Buchstaben ihres Leuchtschriftturms "Monument" durchaus als angenehme Clubatmosphäre empfinden. Als ich aber die Sätze las, die über Holzers Kunstwerk rotieren, wurde mir doch beklommen, denn sie stammen aus Dokumenten des US-Geheimdienstes. Holzer - die in Berlin durch ihre Leuchtbandinstallation an der Decke der Neuen Nationalgalerie bekannt ist - hat sich in ihren neuen Arbeiten mit veröffentlichen Regierungsunterlagen über die Verhörmethoden in Guantánamo und anderswo beschäftigt. Die Schriftstücke sind zum Teil stark zensiert. In einer Serie von abstrakten Bildern, die ich ziemlich großartig finde, hat die Künstlerin die geschwärzten Passagen mit dem Pinsel farbig nachgemalt. Sie hat dabei die Arbeit des Zensors mit der eigenen Hand nachvollzogen und so scheint man zusammen mit Holzer in den Kopf eines Menschen einzutauchen, dessen Tagwerk es ist, Informationen zu unterdrücken. Ich war erstaunt, wie viele Details immer noch lesbar bleiben. Denn zwischen den Farbblöcken in Holzers Gemälden blitzten Wörter wie "Betäubungsmittel", "unbequeme Kisten" oder "Waterboarding" hervor. (Bis 16. Juni, Oranienburger Straße 18, Mitte)

Armin Boehm ist ein Künstler, den ich schon seit Längerem beobachte. Mir gefällt die Tatsache, dass er sich beim Malen zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit nie ganz entscheiden mag. Ich bin auch ein Fan seiner gewählten Ölfarbpalette, die immer leicht schmutzig wirkt, was ich als sehr wahrhaftig empfinde. Die Galerie Meyer Riegger hat Boehm zum Gallery Weekend eine Ausstellung gewidmet. Dort sind einige Bilder zu sehen, die erstaunliche Emotionen erzeugen. Man blickt von oben auf eine bräunliche Fläche. Wurzelartige Gebilde ziehen sich darüber. Es könnten Flüsse sein. An ihren Ausläufern stößt man vereinzelt auf die eckigen Formen der Zivilisation: Farbige Quadrate und Streifen ballen sich zu kompakten Strukturen, verloren in der Weite. Das Wort "Marktflecken" fällt einem verrückterweise ein. Es sind Bilder, die auf ihre Art archaisch wirken. Und es ist komisch, ein leises Nostalgiegefühl zu spüren, von dem man nie ahnte, dass man es hatte. (Bis 26. Mai, Friedrichstraße 235, Kreuzberg)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien