Fernsehen

Spiel mir das Lied vom bayrischen Lynchmob

Matthias Brandt fährt im "Polizeiruf 110" aufs Land

Dass Hanns von Meuffels ein feiner Herr ist, hat Matthias Brandt im "Polizeiruf 110" schon mehrfach bewiesen: Der Preuße in Bayern trägt einen Mantel über der Weste, fährt im offenen Cabrio und führt einen Hund an der Leine. Von Meuffels' Temperament ist melancholisch, von Frauenbekanntschaften und Freunden ist nichts bekannt. Unvermutet zeigt nun der Film "Schuld": Der ruhige Mann kann zum schäumenden Wutkopf werden. Seine übereifrige Assistentin Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm), hat in ihrem Heimatdorf einen mutmaßlichen Mörder festgenommen, der vor zwölf Jahren freigesprochen wurde: Man hatte ihn beschuldigt, einen Nebenbuhler mit einer Flasche erschlagen zu haben. Nun beweisen DNA-Spuren die Täterschaft von Xaver, der gerade Annas Schwester Kati heiraten will. Nach Meuffels' Zornesausbruch ("Sie schwänzen einen anderen Beruf!") belehrt der arrogante Staatsanwalt die Jungpolizistin: Niemand darf ein zweites Mal für dieselbe Tat angeklagt werden; ein Gesetz, nach dem bereits ganze Hollywood-Filme konzipiert wurden. Im Cabrio fährt der Kommissar den Delinquenten nach Hause in ein Bauerndorf.

Dort hat die aufgebrachte Anna Burnhauser ihre Anklage herausposaunt, und wie im schönsten Heimatfilm wendet sich das Landvolk gegen den Mörder: Ein Traktor räumt Xavers Auto beiseite, der Mob postiert sich vor seiner Haustür und richtet Scheinwerfer auf das Gebäude. Von Meuffels sieht nur eine Chance: Xaver muss gestehen. Der will lieber fliehen, doch Kati möchte nichts mehr mit ihm zu tun haben. So sitzt er mit dem Polizisten im Stüberl, während die Dorfbewohner seine Kapitulation erwarten. Von Meuffels ruft aus der Tür: "Hier wird es keine Lynchjustiz geben!" Den Mantel macht er sich nicht schmutzig.

Autor Stefan Kolditz und Regisseur Hans Steinbichler erzählen hier eine Geschichte, die seit "Zwölf Uhr mittags" archetypisch ist: In dem Western verteidigt Gary Cooper nebst einem Kind und einem Krüppel das Gesetz gegen eine üble Bande, während die Bürger feige zuschauen. In "Schuld" sind die Bürger selbst schuld und aufgrund ihrer Arbeit und ihrer Mundart als hoffnungslos rückständige Hinterwäldler gezeichnet, die immerzu "Schleich di!" rufen. Matthias Brandt als Gary Cooper ist ebenso gut wie Daniel Christensen als Xaver, aber das pittoreske Heimatfilm-Ambiente gleicht dem Bauerntheater der schlichtesten Art: Erst wird von Meuffels' Hund gemeuchelt, dann soll Xaver erledigt werden. Fehlt nur, dass der Herrgott vom Himmel herab Blitz und Donner schickt.

Richtig vergnüglich ist der Film, wenn der Pförtner im Münchner Polizeigebäude misstrauisch der hysterischen Anna Burnhauser hinterher tapert oder sie bei Hanns von Meuffels verpetzt: Siggi Zimmerschied verkörpert diese unheimliche Figur schielend und mit rätselhaften Sinnsprüchen, die allenfalls Einheimische verstehen. Hier trifft der Blockwart auf den Dorfdeppen aus dem Volksschwank. Wenn schon Heimatfilm, dann gleich Schauermärchen!

ARD, heute, 20.15 Uhr