Ausstellung

Der Monarch und der Mensch im täglichen Leben

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Tilman Krause

"Friederisiko": Opulente Hauptausstellung zum Friedrich-Jubiläum in Potsdams Neuem Palais

Ein Friedrich für unsere Zeit. Heruntergeholt vom Sockel, aber nicht entzaubert. Mit viel Einfühlungsvermögen analysiert, aber ohne die unbestritten vorhandene Aura zu dekonstruieren. Mitunter ironisch präsentiert, aber doch in keinem Moment respektlos, wo es Respekt zu zollen gilt. So zeigt ihn die repräsentative, überwältigend opulente Jubiläumsausstellung der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, "Friederisiko", die heute im Potsdamer Neuen Palais eröffnet wird.

Ein Friedrich aber auch, begriffen aus seiner Zeit heraus. Und die war nun mal das 18. Jahrhundert, das dieser Mann von 1712 bis 1786 durchmaß. Es ist das Jahrhundert der Glücksritter und Hasardeure. Der großen Autokraten-Fürsten, die, wenn sie auf Zeitgemäßheit Wert legten, sich jedoch auch aufgeklärt gaben, geistig aufgeschlossen und künstlerisch ambitioniert. Ihre fixe Idee war der Ruhm. Ihre Sorge der adäquate Selbstausdruck.

Sich "ganz, wie man da ist" auszubilden, auszuleben, das trieb auch Friedrich an. Und bei ihm gab's ja weiß Gott viel, was auszubilden war! Als roi philosophe , als der er sich begriff, als Philosoph auf dem Thron also, wollte er großer Feldherr und erster Diener seines Staates sein. Aber auch Dichter, Musiker, Komponist, Architekt und Stadtplaner. Dies alles jedoch nicht als Fachidiot, sondern als Mann von Geist, Witz, heiterer Laune, wie es sein Säkulum eben liebte. Und das hat er so kühn, so staunenswert vielseitig wie kein deutscher Herrscher sonst geschafft.

Bestattet neben seinen Vierbeinern

Als "Modeaffe", dies der Titel von Friedrichs Theaterstück, in dem er 1742 auch sich selbst veräppelte -, als geziertes Herrensöhnchen, verspielt, frivol, narzisstisch, selbstverliebt begann er, um buchstäblich auf den Hund gekommen als schwärzester Menschenverächter zu enden, bestattet neben seinen geliebten Vierbeinern - die Ausstellung zeigt auch die Grabplatten für Alkmene und Thisbe im letzten ihrer elf Bereiche, unter insgesamt 480 Objekten, die noch zum übereichen Dauerbestand des Schlosses hinzukommen.

Und mit dem Ende sollte vielleicht beginnen, wer sich auf den Weg zu Friedrich macht. Wer ihn im letzten, prachtvollsten seiner Schlösser aufsuchen will. Denn alles im Neuen Palais ist Selbstausdruck, erzählt von ihm. Ob man das ausgetüftelte Bildprogramm nimmt, in dem er sich mal als Apoll und mal als Ganymed, von Jupiter geküsst, verewigt. Oder die charakteristische Umwidmung der Zimmer in seinem Appartement, in dem das Musikzimmer an die Stelle des Empfangssalons rückt.

Dieses Schloss, ein auftrumpfendes "Uns kann keener" in einer Zeit, da das Land sich gerade erst von langen Entbehrungen erholte, es ist das Hauptexponat in "Friederisiko". Und es erstrahlt in einem Glanz, wie es ihn seit den Tagen seines letzten Bewohners, Wilhelms II., nicht mehr dargeboten hat. Allein ein Blick in das neuerstandene "ovale Kabinett" mit seiner hinreißenden Lacktapete oder in Friedrichs intimes Lesezimmer lohnen den Besuch. Die Filzpantoffeln sind hier übrigens abgeschafft. Man geht über einen Steg durch die 72 Räume, verteilt auf 6.000 Quadratmeter, von denen man endlich wieder (fast) alles sehen kann.

Großer König, großer Provokateur

Und doch endet diese Schau mit der denkbar größten Negation von Pracht und Herrlichkeit. Sie endet mit einer Statue von Voltaire als Greis - welch Vanitas-Symbol! Nackt, in seiner ganzen mürben Kreatürlichkeit, sitzt er da, der Lebensfreund, der Friedrich wie eigentlich alle, die ihm einmal nahestanden, floh, von ihm vertrieben einst und doch verklärt, wenngleich erst spät, mit diesem schockierenden Bildwerk des französischen Meisters Pigalle. Der große König, der eben auch ein großer Provokateur war, hatte einen erheblichen Geldbeitrag dafür gespendet. Wie er ja auch, anders als Voltaires Landesherr, dem Dichter und führenden Intellektuellen seiner Zeit 1778 nach seinem Tod eine Messe lesen ließ.

Bis in die Beschriftungen hinein geht der ironische Umgang der Ausstellungsmacher mit ihrem Helden, dessen mentaler Verfassung überaus gemäß. Um die üppige Verzierung der "fleischfarbenen Kammer" mit kostbaren Porzellanvasen zu erklären, heißt es beispielsweise in schöner Berliner Schnoddrigkeit: "Wer es sich leisten kann, einen ganzen Raum mit Schneeballvasen auszustatten, muss Sachsen erobert haben und Herr der Meißner Porzellanmanufaktur gewesen sein." So ist es!

Apropos sich etwas leisten. Friedrich leistete sich nicht nur den Umgang mit hübschen und gelehrten Männern (während etwa seine Angetraute, die Königin Elisabeth Christine, das Neue Palais niemals betreten durfte). Er gab auch viel Geld fürs Essen aus. Frisches Obst, vor allem Kirschen, ließ er sich Erkleckliches kosten. 400 Taler sind einmal in den "Schatullrechnungen", seinen privaten Kontoauszügen, die man erst kürzlich ausgewertet hat, für die kleinen roten Dinger in einem einzigen Jahr ausgewiesen - im selben Zeitraum verdiente ein Handwerker in Preußen 20 Taler.

Solche Details kratzen an der Legende vom Asketen, der Friedrich freilich niemals war. Sie zeigen aber vor allem, anders als noch die große Jubiläumsausstellung von 1986 im Charlottenburger Schloss, den König nicht so sehr als Urheber von Haupt- und Staatsaktionen im dynastisch-politischen Gefüge seiner Zeit (obwohl das keinesfalls unterschlagen wird) als vielmehr das tägliche Leben eines Mannes, der sich neben den Geschäften viel Zeit fürs Genießen nahm - in Geselligkeit, beim Tafeln, aber auch lesend, schreibend, musizierend.

Friedrich, das geht aus dieser intelligent konzipierten, nirgends überladenen und mit vielen erlesenen Gegenständen veranschaulichten Ausstellung klar hervor, erweist sich gerade für heutige Betrachter als interessant, weil nicht das Geschlossene an seinem Leben, das das 19. und 20. Jahrhundert in ihm sehen wollte, heute auffällt, sondern eine manchmal irritierende, mitunter abstoßende, aber immer auch zutiefst faszinierende Vielfalt.

Die Ausstellung Neues Palais, Potsdam. Mi-Mo, 10-19 Uhr, Fr. + Sa 10-20 Uhr. Bis 28. Oktober. Katalog: 39,90; Essayband: 45 Euro, beide gemeinsam: 65 Euro.