Deutscher Filmpreis

Alle danken Roland

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Peter Zander

Bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises ist Petzolds "Barbara" der große Verlierer und Emmerichs "Anonymus" der heimliche Gewinner

Ganz zum Schluss durfte er dann doch noch auf die Bühne. Für den Besten Film, aber "nur" in Silber. Regisseur Christian Petzold strahlte wacker, aber so ganz wollte es ihm nicht gelingen. Sein DDR-Drama "Barbara" war bei der 62. Verleihung des Deutschen Filmpreises der große Favorit mit acht Nominierungen. Aber dann ging nach und nach jede Kategorie verloren. Und in der einzigen, die ihm sicher gewesen wäre, konnte er gar nicht gewinnen. Denn ausgerechnet seine Hauptdarstellerin Nina Hoss, Petzolds Dauermuse, die seinen Film trägt und überstrahlt, sie war - großes Manko bei dem Vorentscheid - gar nicht erst nominiert worden. Trotz Silber-Lola war Petzold der große Verlierer des Abends.

Eine erfolgreiche Heimkehr

Der heimliche Gewinner war Roland Emmerich. Vor 20 Jahren hat er Deutschland verlassen. Damals hatten ihn alle ausgelacht, weil er Publikumsfilme à la Hollywood drehen wollte. Er ging dann wirklich nach Hollywood, wurde einer der erfolgreichsten Blockbuster-Regisseure dort. Dann kam er zurück und filmte in Babelsberg. Kein Blockbuster, sondern ein richtiges Drama. Ein Shakespeare-Film. "Anonymus" war zwar am Ende nicht unter den drei Hauptgewinnern, hat aber bei sieben Nominierungen sechsmal reüssiert. So oft wie "Roland" wurde an diesem Abend keinem gedankt.

Die Lola hat es wirklich nicht leicht. Als die Deutsche Filmakademie gegründet wurde und fortan über die immerhin 2,955 Millionen Filmförder-Euro des Bundes entscheiden darf - mehr Staatsgelder für Kultur gibt es nicht -, hatte man Angst, dies sei das Ende des Arthouse-Films, nun würden nur noch Publikumshits und aufwendige Produktionen das Rennen machen. Das ist in den letzten sieben Jahren nicht geschehen. Wie zuvor bei den Unabhängigen Jurys strichen vor allem die Arthouse-Filme die meisten Lolas ein. Nun aber kommt die Manöverkritik von der anderen Seite. Klaus Lemke, der ewige Underground-Filmer, polemisiert schon seit langem über "subventionierte Filmfolklore". Das mag Futterneid sein.

Aber auf der diesjährigen Berlinale tönte nun auch Doris Dörrie, immerhin eine der Gründungsmütter der Akademie, es gebe in der Branche eine zunehmende Spaltung in den "Museums- und Festivalfilm" einerseits und den "Publikumsfilm" andererseits - wobei sie eine Lanze dafür brechen möchte, "dass wir die Verabredung mit dem ganz normalen Publikum nicht komplett aufgeben." Kurz vor der Lola-Verleihung hat nun sogar Dominik Graf, einer der ganz großen deutschen Regisseure, in der "Zeit" ein Plädoyer wider das deutsche Qualitätskino gehalten und für mehr Unterhaltung, mehr Genrekost, mehr Trivialitäten im deutschen Film geworben. Und noch während der Lola-Verleihung ätzte einer der Laudatoren, Christoph Maria Herbst, die nominierten Filme hätten alle zusammen so viele Zuschauer wie Thomas Gottschalk an einem seiner schlechteren Tage.

Dabei war dieses Jahr eigentlich ein spannendes Rennen: Hier Mainstreamkino à la Emmerich, zu dem auch Tim Fehlbaums Endzeit-Genrekost "Hell" zählt (den Emmerich unterstützt hat). Dort die Berliner Schule, personifiziert durch Christian Petzold und mehr oder weniger auch durch Andreas Dresen, der seit geraumer Zeit risikofreudige Improvisationsfilme ohne Drehbücher macht und nun mit dem Krebsdrama "Halt auf freier Strecke" den schwerst erträglichen, aber schönsten Film des Jahres gemacht hat.

Und das Votum der Filmakademie ist nicht anders, als dies meist beim Großen Bruder, dem Oscar, aussieht. Der Mainstream bekommt all die Nebenpreise, für Schnitt, Kamera, Kostüm. Und erwartungsgemäß ging das alles an "Anonymus". Dresens Film aber wurde für den besten Neben- und besten Hauptdarsteller gekürt und erhielt am Ende auch die begehrte Haupttrophäe in Gold.

Fortan gibt es aber auch ein Korrektiv, den Bernd-Eichinger-Gedächtnispreis. Der wurde gestern erstmals verliehen und ging an Michael "Bully" Herbig. Neben Til Schweiger einer der größten Kassenmagnete in Deutschland, der aber bei den Lolas gewöhnlich leer ausgeht und auch sichtlich überrascht war, dass er auch mal eine Dankesrede halten durfte. Auch Eichinger, man erinnert sich, ist oft übergangen worden ob seiner Publikumsfilme.

Große Überraschung "Kriegerin"

Nun mag eine alte Diskussion erneut aufflammen: Wie deutsch ist ein deutscher Film? Emmerichs "Anonymus" wurde in Babelsberg gedreht, aber auf Englisch, von einem deutschen Regisseur, aber mit internationalen Stars, mit deutschen Koproduzenten, deren Anteil aber nicht so leicht zu ermitteln ist. Womöglich wird jetzt wieder eine Futterneid-Debatte geführt, diesmal aus der anderen Richtung.

Der größte Triumph aber war der von David Wnendts "Kriegerin". Eine Abschlussarbeit von gleich vier Diplomstudenten, die sich an ein Thema gewagt haben, um das selbst gestandene Regisseure einen Bogen machen: die Neonaziszene. Drei Mal war er nominiert, drei Mal siegte er. Mehr als Dresen und Wnendt hat in diesem Jahr keiner gewagt. Über diese Preise kann niemand streiten.