Kulturhilfe

"Hey, Ihr Freaks - müsst Ihr nicht arbeiten?"

| Lesedauer: 4 Minuten
Jacqueline Krause-Blouin

Ein Flashmob wirbt für das angeschlagene Grips-Theater - und (fast) allen gefällt es

Gelangweilte Gesichter im Halbschlaf, Augenkontakt wird vermieden oder aber man funkelt sein morgendliches Opfer angriffslustig an. Wer zuerst den Blick senkt, der verliert. Ein ganz normaler Vormittag in Kreuzberg, Berlin rafft sich auf und fährt missmutig zur Arbeit.

Um zehn vor neun spürt man am U-Bahnhof Schlesisches Tor noch rein gar nichts von einer aufkeimenden Protestbewegung. Zwei Zalando-Outlet-Hostessen verteilen ihre Flyer an genervte Passanten - und wo ist hier das Grips-Theater?

Hatte doch ein anonymer Fan auf Facebook die Gruppe "BerlinBrauchtGrips!" gegründet und zum heutigen Flashmob aufgerufen. Soweit läuft also alles wie geplant - man merkt nichts. Denn das ist ja der Sinn eines Flashmobs: Ein Menschenauflauf entsteht scheinbar aus dem Nichts, scheinbar unorganisiert, wahlweise mit politischem Ziel oder ohne.

Einige "Passanten" stehen verdächtig lange am Bahnhofseingang und werfen sich verschwörerische Blicke zu. Das Grips-Theater selbst weiß von dieser heimlichen Aktion natürlich nichts. Die Pressesprecherin ist bestimmt auch nur zufällig am Bahnsteig - auf dem Weg zum Einkaufen oder zur Post vielleicht.

Nur durch ein paar neon-pinkfarbene Notenzettel in ihren Händen werden die Eingeweihten verraten. "LINIE 1 (Wittenbergplatz)" steht darauf - der Choral aus dem Kult-Musical von Volker Ludwig, Gründer und Geschäftsführer des Grips. Protest in C-Dur. Ludwig hatte sich in den vergangenen Wochen über die Verteilung der Theatersubventionen des Kultursenats beschwert und mit der Pleite gedroht. 150.000 Euro bräuchte Berlins berühmtestes Kinder- und Jugendtheater, um (vorerst) nachhaltig schuldenfrei zu bleiben. Der Kulturausschuss ist ihm bereits entgegengekommen und sicherte Ludwig eine Sonderzahlung von 50.000 Euro zu. Daraus lässt sich schließen, dass dem Haus nicht wirklich das Aus droht - sobald eine Firma von der Insolvenz bedroht ist, wären nämlich bis auf Weiteres alle staatlichen Zahlungen einzustellen.

Wie dem auch sei, kurz nach neun jedenfalls outen sich die Demonstranten. Ein Junge mit Brille packt seine Gitarre aus. "Ich bin extra aus Sachsen angereist und habe die Uni sausen lassen!", grinst Jan Steinke. Er hat selbst zwei Jahre im Jugendtheater des Grips gespielt, hörte von der Aktion, übte den Choral und kaufte sich eine Fahrkarte nach Berlin. Über 350 Teilnehmer hatten sich auf Facebook angemeldet, rund 30 sind erschienen. Diese 30 strahlen aber für 350 und singen, als sich die Wagentür öffnet, noch etwas zögerlich: "Wittenbergplatz, Nollendorfplatz!" Verdutzten Bahnfahrern huscht ein Lächeln über das Gesicht, nur einer schimpft: "Hey, Ihr Scheiß-Freaks! Müsst Ihr nicht arbeiten?"

Alle paar Minuten kommt eine Bahn, und mit jedem Mal wird der lustige Trupp überzeugender. Die Stadt wird langsam wach: Nach einigen Minuten sind aus den 30 singenden Grips-Fans 80 geworden, jeder Neue wird gefeiert. Ein Musik-Leistungskurs der Sophie-Scholl-Schule hat sogar eine Exkursion beantragt - mit Geigen, Cajón, Querflöten und ausgebildeten Stimmen bereichern sie die Flashmob-Band. Renate, Mutter eines 11-jährigen Jungen, hat ein pinkfarbenes Schild um den Hals hängen. "Berlin braucht GRIPS!", hat ihr Sohn in Schreibschrift geschrieben. Sein Lehrer hat ihm nicht erlaubt zu kommen, dafür singt die Mama umso lauter. "Unsere Familie kommt seit Generationen ins Grips, das soll so bleiben", lächelt sie. Ihr Blick sagt, dass alles gut werden wird. Klagende Intendanten sind nichts Neues und einer fühlt sich immer ungerecht behandelt - hier aber findet der Ärger ums Geld endlich mal eine kreative Form. So ein bunter Aufmarsch wird bestimmt belohnt wie eine Extra-Fleißarbeit; außerdem haben doch die meisten Kinderstücke ein Happy End.