Portrait

Vom Mauerbau überrollt: Billy Wilders "Eins, Zwei, Drei"

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Peter Zander

Er war ein Meister des Timings. Wie er in seinen Komödien einen Gag nach dem anderen abfeuerte und dabei das Tempo immer weiter beschleunigte, darin war Billy Wilder unschlagbar.

Nur einmal hat ihn dieses Gespür verlassen: als er 1961 mitten in der geteilten Stadt "Eins, Zwei, Drei" drehte. Just als die rasante Verfolgungsjagd durch das Brandenburger Tor auf dem Drehplan stand, wurden das Tor und der Rest der Stadt über Nacht zugemauert. "Billy, die Kacke ist am Dampfen", soll Horst Buchholz seinem Regisseur damals gesagt haben.

"Eins, Zwei, Drei" sollte eine Satire auf den Kalten Krieg werden - und wurde dabei von seinem eigenen Thema, von der Historie überholt und überrollt. Das Drehteam musste daraufhin nach München ausweichen, ließ in den Bavaria-Studios das Brandenburger Tor originalgetreu nachbauen. Und ein Kommentar zu Beginn des Films sollte die jüngsten Ereignisse nachträglich auffangen. Doch der Film war nicht mehr zu retten. Was als Satire gemeint war, wirkte plötzlich höhnisch und zynisch. "Eins, Zwei, Drei" fiel beim Publikum wie bei der Kritik durch. "Was uns das Herz zerreißt", schrieb damals eine Zeitung, "das findet Billy Wilder komisch." Gerade noch stand der Regisseur mit drei Oscars für "Das Appartement" auf dem Zenit seiner Karriere, da erlebte er seinen ersten Flop - und einen Karriereknick.

Aber dann, 23 Jahre später, das Wunder: Im April 1985 führt ein Berliner Programmkino den ungeliebten Film wieder auf. Und spät, aber doch wird er zum Hit, zum Dauerbrenner, worüber der Regisseur und die Stars von einst nicht schlecht staunen. Plötzlich können alle lachen über den amerikanischen Leiter der Berliner Coca-Cola-Filiale (James Cagney), der sich um die Tochter seines Konzernchefs kümmern soll und ihre heimliche Liebe, ausgerechnet ein glühender Kommunist aus dem Osten der Stadt (Horst Buchholz), im Sauseschritt in einen Musterkapitalisten verwandeln muss. Eine systemverkehrte Gehirnwäsche.

Wilder, dessen Filmkarriere einst in Berlin begonnen hatte, war nach dem Krieg schon einmal zurückgekehrt und hatte die Stadt in Trümmern zum Thema einer grandiosen Komödie gemacht: "A Foreign Affair" (1947). "Eins, Zwei, Drei" wurde sein letzter Berlin-Film. Außer dem Brandenburger Tor, der Gedächtniskirche und dem Flughafen Tempelhof ist nur wenig von der Stadt zu sehen. Der Großteil spielt in den Räumen der damaligen Coca-Cola-Filiale in Lichterfelde. Und doch ist es ein genuiner Berlin-Film, in dem sich der Meister der Komödie über deutsche wie amerikanische Schrullen lustig macht, über preußischen Gehorsam, Wendehälse und Fräuleinwunder (Lilo Pulver als Sexbombe, allein das ein genialer Besetzungscoup). Während der Dreharbeiten ließ die Weltpolitik den Film alt aussehen, im Rückblick wirkt es indes genau umgekehrt. "Eins, Zwei, Drei" ist heute einer der besten Filme über den Kalten Krieg. Und am Ende ist auch das Kalkül der Hauptfigur, den Eisernen Vorhang mit Westprodukten zu durchbrechen, irgendwie aufgegangen.