Biennale

Aktivisten aller Länder, vereinigt euch!

| Lesedauer: 6 Minuten
Gabriela Walde

So viel Polit-Kunst war nie: Artur Zmijewski verwandelt die 7. Berlin Biennale in ein unübersichtliches Basiscamp für Demokratie

9.08 Uhr. Im grünen Occupy-Zelt ist Milchcafé im Pappbecher angesagt. Ein schwarzes Knautschsofa, Bierbänke, Apfelsaft im Tetra Pak. Ein Typ in Motorradkluft mit Schlafsack unterm Arm kommt an. "Unglaublich toll", schwärmt Joulia Strauss, die ein bisschen aussieht wie Amy Winehouse mit verstrahltem Gothic-Touch. Sie malt gerade hoch in der Luft alte recycelte Fahrradräder in Silber an, damit diese aussehen wie "eine Blume des Lebens". "Es geht", sagt sie fast verschwörerisch, "um ein neues Koordinatensystem der Kunst". Ihre Aktion hier in den Kunstwerken sei eine "Gegenmaßnahme, um auf die Überflüssigkeit der Kunst hinzuweisen".

Boykott einer Ausstellung

Gefährlich, was sie da sagt. Artur Zmijewski, der polnische Kurator, hat alles dran gesetzt, um dem Kunstmarkt, der Kunst und auch sich selbst als Künstler den Krieg zu erklären. Er boykottiert die 7. Berlin Biennale als Format - eine Ausstellung im klassischen Sinne gibt es schlicht nicht. Die Haupthalle der Kunstwerke (KW) gleicht einem offenen Basiscamp für direkte Demokratie. Alte Sit-in-Qualitäten erfahren hier ein merkwürdiges Revival. Zmijewskis Slogan könnte heißen: Dissidenten, Aktivisten, Hippies und Weltverbesserer aller Länder, vereinigt euch! Im sogenannten Postergang und am "Global Square" kann jeder seine Flugblätter und Manifeste an die Wände pappen wie die "Global Chance Factory", die für eine "selbstverwaltete, herrschaftsfreie Wirtschafts- und Wohnkultur" kämpft. Auf einer dicken Banderole lesen wir es Schwarz auf Weiß: "This is not our museum. This is your action space". Draußen soll es irgendwo noch "Guerilla Gardening" geben, und am Haupteingang haben einige Mitglieder der "anonymous artists" die Hauptpforte nahezu mit Backsteinen zugemauert. Die Handwerker müssen fix ran, um sie abzutragen.

Das Herz muss gar nicht rechts schlagen, um bei dieser Art von politischer Indoktrination lähmende Ermüdungserscheinungen zu bekommen. Die 7. Berlin Biennale ist für den Besucher wie ein Schlachtfeld aus unüberschaubaren Aktionen, Kongressen, Zeitungen, Konferenzen, Screenings und Manifesten. Dabei geht es um alles und nichts: Rassismus, Sexismus, Islampolitik, Nahostpolitik, Homophobie, Drogenkriminalität. Überall Ideen, Diskurse und Debatten in der explosiven Schleuder des globalen Welt(krisen)geschehens. Das wäre weiter nicht schlimm, kämen manche Aktionen nicht so unsagbar bedeutungslos, plakativ oder zynisch daher. Damit gerät die Biennale in eine ungute Schieflage, sie ist schließlich eines der wichtigsten Schaufenster für junge Kunst in Berlin, ein Seismograph für das, was hier entsteht. Der Bund fördert sie mit immerhin über zwei Millionen Euro. Man könnte bei Artur Zmijewski somit den Eindruck gewinnen, dass er die Kunst gar nicht mag. Er rüstet die Kunst politisch auf, will sie unbedingt rückbinden an gesellschaftliche Entwicklungen. Ein Paradoxon, Kunst ist ja eigentlich frei. Er diagnostiziert knapp: "Kunst handelt nicht und funktioniert nicht." Deshalb befände sich unser Globus im bemitleidenswerten "Teufelskreis der kreativen Ohnmacht". So entwickelte Medienaktivist Pit Schultz ein ArtWiki, ein digitales Nachschlagewerk, dass jene Biennale-Künstler verzeichnet, die sich als "politische und gesellschaftliches Wesen" begreifen. Na dann.

Dass es keine "normale" Biennale werden würde, war im Vorfeld bereits klar. Noch nie hat es vor Beginn einer Kunstschau einen solchen Rumor gegeben wie in diesem Frühjahr. Zumal Zmijewski kein Heiligenschein nachgesagt wird. Dass er institutionskritisch bis zum Abwinken ist, mit Lust Tabus bricht, wussten alle. Wer den mürrischen Polen interviewt hat, bekam schnell zu spüren, dass er, der "Bürger Osteuropas", gegenüber Deutschland, ja auch Berlin "gemischte Gefühle" hegt. Deutsche Erinnerungspolitik? Besonders bei diesem Thema geriert er sich als moralischer Zuchtmeister, der uns zeigen muss, wie Vergangenheitsbewältigung wirklich funktioniert. Und wenn er ganz doll provozieren möchte, dann holt er den Nazi raus aus der Kiste. Wohl nur so lässt sich ein derart abstruses Reenactment erklären, das den "Kampf um Berlin '45" am 29. April mit Truppenaufmarsch im Spreepark nachstellen will. Vor allem aber will uns Zmijewski zeigen, dass er sich nicht zensieren lässt. Vor einigen Monaten wurde im Gropius-Bau im Rahmen der Polen-Schau sein Video "Berek" (Fangen) entfernt. Darin laufen nackte Menschen voreinander her, necken sich, kichern. Eine scheinbar harmlose Szenerie - doch der Film wurde in einer ehemaligen Gaskammer eines KZ gedreht. Zmijewski zeigt das Werk nun in einem versteckten Kabinett auf dem KW-Dachboden.

Bücher-Skandal um Sarrazin

Ähnlich verhält es sich mit dem Pflanz-Projekt des polnischen Künstlers Lukasz Surowiec, der Hunderte Birken aus der Umgebung von Auschwitz-Birkenau in Berliner Parks und an öffentlichen Gebäuden einbuddelte. Rund 5000 Setzlinge präsentiert er jetzt zusätzlich in den KW.

Unsere düstere Vorahnung, dass die 7. Berlin Berlinale anders werden würde, als erhofft, hing an einem Wort. "Sammelstelle". Die Kunstaktion des tschechischen Künstlers Martin Zet bezog sich darauf, Thilo Sarrazins umstrittenen Bestseller "Deutschland schafft sich ab" an solchen "Sammelstellen" in der Stadt abzuliefern wie eine olle Schwarte. Dieses Projekt erinnerte viele fatal an die Bücherverbrennung der Nazis. Demzufolge sagten Berliner Institutionen reihenweise ab. Bislang wurden nur drei Sarrazins und ein Koran abgegeben. Doch diesen Flop kann Zmijewski offenbar nicht verknusen. Dieser Skandal, so schreibt er in seinem Report, spiegle nur "die deutsche Vorstellungswelt mit ihren tragenden Elementen: Feuer und Asche". "Forget Fear", die Angst vergessen, so taufte er seine Biennale. Wir aber kriegen Angst - vor soviel Selbstüberschätzung. Erst einmal aber schleppen wir unseren Jutesack dick gefüllt mit Flugblättern und Manifesten brav nach Hause.