Pop-Ikone

Und immer hüpft die Nena

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Matthias Wulff

Ewige Jugend: Die deutsche Pop-Ikone rettet im voll besetzten Tempodrom ihre alten Hits in die Jetztzeit

Kurz vor Schluss, es ist mittlerweile fast halb zwölf, kommen die unvermeidlichen 99 Luftballons. Es ist der Moment, den man ein wenig gefürchtet hat. Wie so viele Lieder aus den Tagen der Neuen Deutschen Welle ist auch dieser Song recht rasch verstaubt: zu viel Synthesizer, zu banaler Rhythmus und Instrumentalisierung, der Text geschrieben 1983 im kältesten Kalten Krieg. So aber wie Nena den Evergreen darbietet, funktioniert er dann doch. Sie steht mit ihrer Band am Bühnenrand und sie tragen ihn A-Capella vor. Friedenslyrik zum Mitschunkeln.

Nena trägt Turnschuh, Jeans, Lederjacke und sieht weiß Gott nicht wie eine Frau aus, die über ein halbes Jahrhundert alt ist. "Seid ihr noch da, wenn ich 70 bin?" fragt sie das Publikum im restlos ausverkauften Tempodrom, das sofort zurückjohlt. Für den einen oder anderen in den Reihen möchte man nicht die Hand ins Feuer legen, aber Nena, schlank, mit jungenhaftem Körper, wird ewig hüpfen. Vielleicht ist ja doch was dran an dynamischer Meditation und Rohkostverzehr und den anderen gesunden Dingen, die sie immer predigt.

Eingerichtet ist die Bühne wie eine gute Stube, in der Mitte stehen vier braune Polstersessel, auf den Beistelltischen leuchten die Kerzen. "Ich will heute gern ganz viel mit euch singen", ruft sie, als sie auf die Bühne tritt und mit einer Übung beginnt. Sie gibt einen Ton vor und das Publikum singt ihn nach und dann kommt noch ein Ton und das Publikum singt und diese kleine Tonkunde zieht sich hin. Dann beginnt Nena "Leuchtturm" zu singen und schwupps bricht der Chor zusammen, weil die meisten doch lieber das Lied als einzelne Töne singen.

Also wieder von vorne. Dass hätte schief gehen können, das Berliner Publikum neigt bekanntlich zu einem zögerlichen Beginn, aber hier ist es sofort bei der Sache. Ohnehin hat es an diesem Abend einen zen-gleichen Langmut mitgebracht. Brav wird bei "Klee" geklatscht, auch schon seit 1997 dabei, die es mit "Erinner Dich" auf nur ein bemerkenswertes Lied gebracht haben. Dann darf noch Lisa Martine Weller, Teilnehmerin bei "The Voice of Germany", drei gefühlige Lieder vortragen und das Publikum derweil ein wenig auf ihren Smartphones spielen. Dies ist im Übrigen deutlich jünger als erwartet; Nenas Auftritt in der Sat1-Show hat ihr noch einmal zu neuer Popularität verholfen. Zumindest kann man sich nicht erinnern, so viele Kinder auf einem Abendkonzert gesehen zu haben.

Nena hat jede Menge Musiker mitgebracht, auf der Bühne wird es scheibchenweise voller, ein Kommen und Gehen, im Schnitt stehen dreizehn Leute vorn, manche singen, andere geigen, spielen Gitarre, der Rest hängt auf dem braunen Sofa rum. Im Grunde ist das keine schlechte Idee, so ist immer Bewegung da vorn und eine schöne Abwechselung zu den üblichen Bassisten, die einen Abend lang nicht von ihrer Gitarre blicken wollen. Hier ist kein Ort für Missmut, hier wird geklatscht, animiert, mitgesungen, mit den Armen geschwenkt. Hier darf man noch Hippie sein. Als dann Nena und ihre Gang sich mit einem Polonaisezug durch das Tempodrom schlängeln und die John-Lennon-Hymne "Give peace a chance" singen, ist es für einen Moment so, als hätten sich die Les Humphries Singers wiedervereint.

Nena hat ihr Leben der Selbstverwirklichung gewidmet. Wichtig sei es, wie sie in Interviews sagt, "sich selbst nah zu sein", sie redet gern über "Lebensabschnitte" und möchte "ganzheitlich" gesehen wird. Ihre Lieder heißen "Ich hör mir selber zu" oder "Mein Weg ist mein Weg" und in dem Lied "Fragezeichen" singt sie "Ich weiß selber ganz genau, was für mich das Beste ist". So wie es ein Markt für Ratgeberbücher gibt, so gibt es offenbar auch einen Markt für Ratgebermusik.

Ihre Fröhlichkeit ist so ansteckend, dass nach wenigen Liedern sich bei "Nur geträumt" die Ordnung auflöst und das Publikum nach vorne strömt. Man beobachtet das folgende Spektakel mit einiger Schadenfreude, gerät das Sicherheitspersonal doch in die Defensive. Sie haben es sich verdient. Der Veranstalter hatte für diesen Abend offensichtlich mit dem Einmarsch des Schwarzen Blocks gerechnet und sich deshalb für das unfreundlichste, rüdeste Personal entschieden.

Die gute Laune können aber auch sie nicht verderben, Nena spielt alle ihre Gassenhauer "Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann", "Willst du mit mir gehen" und "Wunder geschehen", dazu gibt es Coverversionen von David Bowies "Heros" und Johnny Cashs "Hurt". Es war, mit gut dreieinhalb Stunden, ein langer Abend, und als Nena und ihre Ensemble dann zum allerletzten Tanz bitten, leert sich Saal nach und nach. Die Kleinen müssen auch wirklich langsam ins Bett.