Musik

Sir Simon zeigt seine Carmen in der Philharmonie

Konzertante Aufführungen werden immer populärer und manche Opern sind dazu besonders geeignet.

Dazu gehört Bizets "Carmen", sie gibt sich feurig und populär. Sie ist gespickt mit mitreißenden Szenen und Arien. Sie verlangt tadellose Stimmen, die sich reich zu entfalten verstehen. Sie setzt auf interpretatorisches Temperament. Sie verlangt überdies ein virtuos verständnisvolles Orchester. Das war in der Philharmonie, Sir Simon Rattle an seiner Spitze, prompt zur Stelle. Er kostete mit seinen Spielern den Abwechslungsreichtum des Werkes voll und ganz aus. Es war eine Lust, ihnen zuzuhören. Verstärkt wurde die Ensembleleistung außerdem durch Chor und Kinderchor der Staatsoper. Vor allem die Kinder machten, nicht nur stimmlich gute Figur. Sie vollführten ihre eiligen Auftritte und Abgänge mit schier militärischer Disziplin, als wollten sie Spaniens Kommandeuren zeigen, wie es richtig geht.

Unter den Solisten stand nach der Pause einer deutlich voran: Jonas Kaufmann. Über eine Tenorstimme, wie die seine, hätte jeder Don José gerne verfügt, und keine Carmen weltweit wäre ihm auf und davongelaufen, obwohl auch sein Rivale Escamillo über eine sensationelle Stimme verfügte. Der junge Litauer Kostas Smoriginas hätte sogar jedem Stier in der Arena höchste Hochachtung eingeflösst. Aber auch die Israelin Rachel Frenkel als Mercedes sang ihre belustigende Partie, wie mit innerlichem Kichern, leichtgewichtig springlebendig. Auch der Paradesopran von Genia Kühmeier als Micaela zeichnete die Rolle des liebenden Dorfmädchens genau. Carmen war Magdalena Kozena, eine Künstlerin des durch und durch kontrollierten Wohlklangs. Eine Singdramatikerin ist sie aber nicht. Sie baut ihre Rolle nicht von Innen, sondern von Außen auf. Sie lebt sie nicht mit Fleisch und Blut aus, sondern mit den ihr aufgetragenen Noten. Das ist, bei allem Jubel, drei geschlagene Stunden lang für einen Wildfang wie Carmen nicht genug.