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Juliane Kaiser (63), Buchhandlung Born, Ladenstr. 16/17, Zehlendorf: Milena Michiko Flasar, Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters, entführt den Leser in ihrem Roman "Ich nannte ihn Krawatte" nach Japan: Der 20-jährige Taguchi beschließt eines Tages, nicht mehr zu sprechen, nicht Erwachsen zu werden oder sein Zimmer zu verlassen. In Japan ein weit verbreitetes gesellschaftliches Phänomen, Hikikomori genannt. Erst drei Jahre später verlässt Taguchi sein Zimmer wieder und begegnet auf einer Parkbank dem älteren Ohara Tetsu, der seinen Job verloren hat und sich nicht traut, seiner Frau davon zu erzählen. Die zwei an der Gesellschaft gescheiterten und am Leben verzweifelten Männer nähern sich behutsam an und man erfährt, warum Taguchi sich in sein Zimmer einschloss und dass Ohara Tetsu eine schwere Schuld mit sich herumträgt. Eine hervorragend geschriebene, tiefgründige und unaufdringliche Innenschau, die lange nachwirkt.

Milena Michiko Flaar: Ich nannte ihn Krawatte, Wagenbach Verlag, 144 Seiten, 16,90 Euro.