Auktionshaus

Gefecht um ein Plakat

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Eva Lindner

Kein Ort für Zauderer: Besuch im Berliner Auktionshaus Bassenge

Der Herr mit den lilafarbenen Socken und dem edlen Anstecktuch hat seine Chance verpasst. Für ein ganz bestimmtes Plakat ist er nach Grunewald gekommen, er wollte im Auktionssaal mitbieten. Doch weil er zu eifrig im Katalog geblättert hat, wurde das Plakat aufgerufen ohne dass er es bemerkte, es gab einen Mitbieter, und dann ging alles ganz schnell, "zum Ersten, zum Zweiten und zum...". Auktionator Markus Brandis klopft mit der Rückseite seines Stiftes hörbar auf den Tisch. Das Plakat hat einen neuen Besitzer gefunden, lilafarbene Socken trägt er nicht.

Will man bei einer Versteigerung Erfolg haben, muss man schnell entschlossen sein. Wer vorher noch das Geld zählen muss, kann bei einem Bietergefecht nicht mithalten. Schon nach wenigen Sekunden ist oft alles vorbei. So wie bei dem Glanzstück der Plakatauktion des Berliner Auktionshauses Galerie Bassenge Ende dieser Woche. Es ist ein knapp ein Meter hohes, gut erhaltenes Plakat, das für den Bitterlikör Campari wirbt. Der Bajazzo, eine Figur der Commedia dell'Arte, tänzelt in einem roten Strampler auf einer schneckenförmigen Zitronenschale. Die Lithographie des Plakatgestalters Leonetto Cappiello von 1921 weist kaum Gebrauchsspuren auf. Keine abblätternden Ränder, keine Wurmlöcher, keine Knickspuren. Versteigerer Brandis hat den Wert auf 4000 Euro geschätzt. Ein nicht anwesender Bieter hat vorab 3700 Euro geboten, und weil niemand im Saal mehr bezahlen will, erhält er den Zuschlag.

Zum vierten Mal versteigert Bassenge Plakate aus dem vergangenen Jahrhundert. Brandis hat sich und das Auktionshaus damit zu einem der wichtigsten Plakathändler in Deutschland gemausert. Alle sechs Monate bringt er seine Fundstücke unter die Sammler. Am liebsten nimmt er Stücke von Privatbesitzern, der Großmutter, die noch eine Plakatrolle in einer Truhe auf dem Speicher gefunden hat, oder der Sohn der das Erbe des verstorbenen Vaters ausmistet. Mit Stücken aus Privathänden verdient Brandis auch am meisten Geld, holt er sich Ware von Händlern, muss er meist mehr bezahlen. Ein halbes Jahr lang akquiriert das Auktionshaus die Plakate und bewahrt sie in ihren Räumen auf.

Enttäuschte Privatanbieterin

Eine Privatanbieterin begleitet auch diesem Auktionstag die Versteigerung. Sie hat 12 Plakate angeboten, die ihr Mann einst sammelte. Nur fünf davon werden ersteigert. "Ich hab mir das alles etwas lebhafter vorgestellt", sagt sie und wirkt enttäuscht. In der Tat verlaufen die eineinhalb Stunden Versteigerung relativ ereignisarm. Die etwa 20 Interessenten im Saal halten sich zurück, viele sind nur aus Interesse gekommen, haben sich gar keine Bieternummer geholt, die man zum Mitsteigern in die Luft halten muss. Nur etwa 60 Prozent der Plakate finden an diesem Nachmittag einen neuen Besitzer, am beliebtesten sind die teilweise über 100 Jahre alten Werbungen traditionsreicher Firmen, wie Sanella-Magarine, die 1950 noch mit einer überglücklichen Hausfrau warb oder Knorrs Haferpräperate, die 1893 mit dem Käthchen von Heilbronn um Aufmerksamkeit rangen. Ein Autohersteller verdeutlichte vor 80 Jahren noch bildlich, um wie viel schneller seine Karosse im Vergleich zu einer Kutsche fährt.

Die meisten dieser Plakate gehen an Bieter, die sich vorher im Katalog ausgesucht haben, was sie kaufen wollen und per Telefon zu der Auktion zugeschaltet werden. "Leider", sagt Auktionator Brandis, "nimmt das Geschäft übers Telefon und Internet immer mehr zu." Viel spannender sei allerdings die Stimmung im Saal. Hier liefern sich die Interessenten Gefechte, die Brandis von seiner Tribüne am Kopf des Saales bestens beobachten kann. Bei einer Versteigerung von Inkunabeln, tausende Jahre alte Werken der Buchdruckkunst, liegen die Gebote schon mal im fünfstelligen Bereich. Da wird, anders als bei den Plakaten in 20-Euro-Schritten, in 10.000er-Schritten erhöht. Brandis beobachtet dann wie die Interessenten ins Schwitzen geraten. Manche stützen den Arm mit der Bieternummer auf den anderen auf, um den ganzen Saal zu symbolisieren: 'Ich werde durchhalten, ich steige nicht so schnell aus'. Ein psychologischer Trick, der die Mitinteressenten einschüchtern soll. "Zur Zeit"; sagt Brandis, "gibt es viele Interessenten aus Osteuropa und Russland, die treiben häufig ganz schön die Preise nach oben."