Musik

In jeder Sprache der Welt kann er ein Bier bestellen

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Matthias Wulff

Wie sich die Zeiten ändern: Tony Hadley, Frontmann von Spandau Ballet, singt im Admiralspalast von den kommenden Aufständen

Bei der Zugabe wird es dann lustig. Oder eher skurril. Tony Hadley singt "I predict a riot". Ausgerechnet der Sänger von Spandau Ballet nimmt sich das Lied der Kaiser Chiefs vor, deren Song in die britische Musikgeschichte im vergangenen Jahr einging, galt er doch geradezu prophetisch für die Krawalle in London, Birmingham und Liverpool.

Es ist als sänge Volker Kauder die Internationale. Spandau Ballet, die sich vor einigen Jahren zu einer dieser unvermeidlichen Reunion-Tour aufmachten, war in England in den Achtzigern "Thatcherismus auf Platte", wie der "Guardian" einmal so schön nannte. Die Gruppe stand für die konservative Gegenbewegung zu den schmuddligen Punks und dem düsteren New Wave. Sie waren alert, prätentiös, geschniegelt, dekadent, irgendwo zwischen schnulzig und schmierig, und in ihren bonbonfarbenen, weiten Anzügen mit den Schulterpolstern stehen sie bis zum jüngsten Tag für alle Modesünden dieser Zeit. In Deutschland war sie die Lieblingscombo der Popper und in den Jahren, in denen noch nicht das relativierende sowohl-als-auch gepflegt wurde und politische und musikalische Vorlieben eins waren, konnte man diese New-Romantic-Band entweder verehren oder hassen. Dazwischen gab es nichts.

Nun, die Zeit der Glaubenskriege ist vorüber und keiner symbolisiert das anschaulicher als Tony Hadley beim Privatkonzert im Admiralspalast des Spreeradios. Aus einem Mann, der (von seinen anderen Bubis bei Spandau Ballet gar nicht zu reden) immer recht androgyn daher kam, ist ein kräftiger bis fülliger Mann geworden, dessen schwarzer Anzug sich an den Schultern sichtbar spannt. Hätte man ihm früher nach dem ersten Anblick sofort eine Rolle in "Wiedersehen in Brideshead" angeboten, steht heute ein Kumpeltyp aus dem Jahrgang 1960 auf der Bühne, der glaubhaft versichert, er könne in jeder Sprache der Welt ein Bier bestellen.

Tony Hadley hat, das muss und kann man jetzt doch eingestehen, der Musikwelt einige sehr hübsche Ohrwürmer hinterlassen.

Heute unterlässt Tony Hadley das Pathos und das tut den Liedern gut. "Only when you leave", "Gold" und selbst "True", eines der kitschigsten Popsongs der achtziger Jahre, entschlackt Hadley und singt sie kraftvoll und ohne Tutu. Sein Lieblingslied von Spandau Ballet, so kündigt Tony Hadley an, sei "Through the Barricades" und das spricht für einen sicheren Geschmack, auch weil einem an diesem Abend das Saxophon erspart bleibt.

Spätestens als er "Oh, turn around and I'll be there / There's a scar through my heart / But I'll bare it again" schmettert, hat er das Publikum auf seiner Seite. Was eine nicht ganz unproblematische Entwicklung im Saal zur Folge hat, denn zwischen denen, die sitzen wollen und denen, die es nicht mehr auf ihren samtroten Sesseln hält, entstehen leise Unstimmigkeiten.

Bei der Auswahl seiner Coverversionen hat Tony Hadley ein ausgesprochen gutes Händchen, er beginnt mit seiner Version von "Somebody told me" von den Killers, später singt er "Learn to fly" von den Foo Fighters und "Rio", das beste Lied von Duran Duran. Zwei Lieder von Queen gibt Tony Hadley auch noch zum Besten, vielleicht auch als Tribut an das mittelalte Publikum, die mit den Kaiser Chiefs und den Killers nicht wirklich viel anfangen können.

Aber die beiden jüngeren Menschen, mit denen man am Ende des Konzerts nach 75 Minuten eine Zigarette raucht, finden gerade Hadleys Songs aus den Nullerjahren "irgendwie geil". Und damit haben sie recht.