Konzert

Die streitbare Mutter der irischen Rockballade

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Peter E. Müller

Wie die Sängerin Sinead O'Connor ihren Ruf verteidigt

Etwa zur Hälfte des Konzerts verstummen die Musiker. Ganz allein steht Sinead O'Connor an der Bühnenrampe und singt a cappella "I Am Stretched On Your Grave", ein von Philip King vertontes irisches Gedicht aus dem 17. Jahrhundert. Flüsterstill wird es im Astra Kulturhaus in Friedrichshain. Die Stimme füllt den Raum, beschwört die einzig wahre Liebe, die unter frischer Erde begraben und doch so gegenwärtig ist. 1990 hat die Sängerin das Stück für ihr erfolgreichstes Album "I Do Not Want What I Haven't Got" aufgenommen. Und singt es nun mit bebender Stimme im gedämpften Scheinwerferlicht.

Die streitbare Irin ist wieder da, wo sie hingehört. Auf der Bühne. Vor einem Publikum, das sie immer noch liebt und mit Applaus umarmt. Dabei stand sie sich im Laufe ihrer Karriere oft genug selbst im Weg. Ein Freigeist, der sich nicht an die Regeln des Musikgeschäfts halten wollte. Eine engagierte und streitlustige Frau, die lospoltern kann, um erst später zu überlegen, ob sie einen Schritt zu weit gegangen ist. Wie 1992, als sie in der US-Fernsehshow "Saturday Night Live" vor laufender Kamera ein Foto von Papst Johannes Paul II. zerriss, aus Protest gegen die Kindesmissbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Der Sturm der Entrüstung war enorm. Ihre Karriere schien am Ende. Der Ruhm, der mit ihrem Hit "Nothing Comparers 2 U" über Sinead O'Connor hereingebrochen war, blieb ihr obskur. Sie ging ihren Weg, allem Kopfschütteln über ihr unangepasstes Auftreten zum Trotz.

Sinead O'Connor hat immer weiter Platten gemacht. Sie sorgte immer wieder für Schlagzeilen, doch selten war ihre Musik der Grund. Sie bekämpft die katholische Kirche und suchte ihr Heil in Spiritualität. Sie heiratete drei Mal, ließ sich drei Mal scheiden, suchte sich offenherzig einen Mann über Facebook, lebt als Mutter von vier Kindern in der Nähe von Dublin. Und hat nach langer Pause mit "How About I Be Me (And You Be You)" ein gutes neues Album aufgenommen.

Sie wirkt ausgeglichen und glücklich, wie sie nun in Shirt und Jeans auf der Astra-Bühne steht und mit "The Healing Room" den Abend eröffnet. Eine gereifte, 45-jährige Sängerin mit reichlich Tattoos und kurzgeschorenem Haupt, die nicht mehr will, als die Menschen mit ihrer Stimme zu betören und zum Nachdenken zu bewegen. Natürlich singt sie "Nothing Compares 2 U" mit großer Geste. Doch es gibt auch überzeugend Neues zu hören. Wie das von afrikanischer Rhythmik angetriebene "4th & Wine" oder die kämpferische Ballade "Take Off Your Shoes". Ihre Stimme ist kraftvoll, klar und bebend, zittert vor Schmerzen und jauchzt vor Freude. Ein bewegendes Comeback. Der Wunsch bleibt, dass es diesmal von Dauer sein möge.