Anna Karenina

Lebensgefährliches Ballett

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Klaus Geitel

Boris Eifman treibt seine Tänzer im Schiller-Theater an physische Grenzen

Um Leo Tolstoi, den großen russischen Schriftsteller, muss man sich nicht fürchten, er ist längst in die Unsterblichkeit entrückt. Wohl aber um die unglaublichen Tänzer des St. Petersburger Boris Eifman Ballet, welche das Schiller-Theater dieser Tage in ein wahres Schlachtfeld virtuosester Tanzkunst verwandelt. Die Petersburger Spitzentänzer sind zu Gast bei Vladimir Malakhovs Berliner Staatsballett, genauer gesagt beim IV. International Dance Summit. In dieser Ballettwoche zeigt der russische Choreograph Boris Eifman mit seinem Ensemble gleich zwei seiner Literatur-Adaptionen: Puschkins "Onegin", 2009 kreiert, und zum Auftakt "Anna Karenina", eine Produktion von 2005, die ebenfalls erstmals in Berlin zu sehen ist. Eifmans Tänzer verwandeln die Bühne zwei geschlagene Stundenlang in ein choreographisches Schlachtfeld der Liebe, der Enttäuschung und des Begehrens, auf dem "Anna Karenina", Tolstois leidens- und liebesfähige Romanfigur, am Ende zu Tode kommt.

Ohne zärtliche Liebe

Eifman ist kein choreographischer Umstandskrämer. Er verzichtet von vornherein weitestgehend auf den zärtlichen Liebeslyrismus, der jedem Ballett gut zu Gesicht steht. Er geht den schnurgeraden Weg zum Effekt. Man kommt aus dem Staunen, der Verwunderung, der Bewunderung gar nicht heraus, welche Anforderungen von ihm an seine Tänzerinnen und Tänzer gestellt werden.

Sie verwandeln pausenlos die meist nackte Bühne in einen Hochbetriebs-Salon der lebensgefährlichen Schritte und Positionen. Man hört, über die Begleitmusik Tschaikowskys aus den Lautsprechern hinweg, insgeheim schon die Knochen splittern, den Verrenkungsschrei, den Notruf der Unfallopfer. Wie durch ein Wunder bleiben sie aus. Das Ensemble zeigt sich athletisch durchtrainiert, stabil und unermüdlich. Die Beine klappern unaufhörlich wie im choreographischen Veitstanz. Körper klettern auf Stühle hinauf, fallen nieder, werden armstark herumgeschleudert. Mit Effekten wird nicht geknausert. Sie sind es, die Eifman unermüdlich anstrebt und austeilt.

Sie ermüden allerdings im Verlauf der Vorstellung gewaltig, ohne dass man darüber seine Bewunderung für die tänzerischen Möglichkeiten der geschmeidig jungen menschlichen Körper vergisst. Im Gegenteil: man harrt ihnen entgegen. Eifman versteht es, das Publikum auf seine Tanzparaden geradezu süchtig zu machen. Man fühlt sich in einen stetig dahinrasenden Tanzzirkus versetzt. Eifmans Lieblingstempo ist das Allegro molto. Die drei Hauptrollen sind tänzerisch glänzend, allerdings dramatisch nichtssagend besetzt.

Strapazierte Beine

Ihre einzige Aufgabe ist es, durch ihre halsbrecherische Bravour Staunen zu machen, wie wenn ein Violinvirtuose sein Konzertstück auf einer brennenden Geige spielt. Nina Zmietvets tanzt die Titelrolle couragiert, trotz der Schleudereinlagen und haushohen dekorativen Verrenkungen, die ihr immerfort abverlangt werden. Sie ist ausdrucksstark wie ein Stein, nur eben viel leichter.

Ihre beiden Partner sind der haushohe Oleg Markov als ihr ungeliebter Gatte Karenin, ein schier überschlanker Athlet, der seine Partnerin brillant herumzuwirbeln versteht. Mehr wird ihm auch nicht abverlangt. Er ist zu einer Partnerschaft verurteilt, die aus nichts als muskulären Dienstleistungen besteht. Sein Gegenspieler,der hübsche Oleg Gabyshev, findet immerhin ein paar Mal Gelegenheit zum Tanzgeschmuse. Er liebt halt so, wie es die immerfort sehr strapazierten Beine erlauben. Anna Karenina, die dauerhaft Unglückliche, hätte gefühlvolleres verdient. Vielleicht hätte Tolstoi besser ein Ballett von Eifman choreographiert und nicht umgekehrt.

Schiller-Theater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg. Eifman Ballet zeigt "Onegin" heute (ausverkauft) und am Sonntag (wenige Restkarten) Tel.206092630