Theater

Der Regisseur als Universalgenie

| Lesedauer: 7 Minuten
Stefan Kirschner

Theatermacher entwerfen lieber ihre eigenen Bühnenbilder, komponieren Musik oder spielen selbst auf der Bühne mit

Nur zu inszenieren - das ist vielen Theaterregisseuren zu wenig: Sie destillieren aus Romanen ihre eigene dramatische Vorlage, entwerfen das Bühnenbild, kümmern sich um die Kostüme, komponieren die Musik oder stehen auch gleich selbst auf der Bühne. So wie Katharina Thalbach, die in ihrer Inszenierung "Der Raub der Sabinerinnen" als wohlbeleibter, etwas schmieriger Theaterdirektor Striese auftritt - am Jahresende wird das Stück in der Komödie am Kurfürstendamm wieder gespielt. Oder Herbert Fritsch, der spät zur Regie kam und eine Blitzkarriere hingelegt hat. Er entwirft bei fast allen seinen Inszenierungen auch das Bühnenbild, zuletzt bei "Murmel Murmel" an der Volksbühne. Patrick Wengenroth singt live in seiner Adaption von "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" an der Schaubühne. Mitunter führt diese Spielart des Multitasking zu unerwarteten Auszeichnungen: So wurde Andreas Kriegenburg, Hausregisseur am Deutschen Theater, mit seiner gefeierten "Der Prozess"-Inszenierung zum Berliner Theatertreffen eingeladen - und in einer Kritikerumfrage zum "Bühnenbildner des Jahres" gekürt.

Eine neue Form entwickeln

Der am souveränsten zwischen verschiedenen Tätigkeiten pendelnde Theatermann dürfte Nicolas Stemann sein. Er steht in seinen Inszenierungen am Kölner Schauspiel, dem Hamburger Thalia Theater oder in den "12 letzten Liedern" am Deutschen Theater als eine Art Conferencier auf der Bühne, musiziert, singt und hat für den Berliner Liederabend auch einen Großteil der Texte beigesteuert. "Das ist das Ergebnis einer organischen Entwicklung, die sich gar nicht mehr aufhalten ließ", sagt Stemann. Er trat mit Bands auf, bevor er zum Theater kam. Trotzdem hat er sich dort lange auf Regie beschränkt. Aber "irgendwann war das unbefriedigend". Stemann ändert nicht nur während der Proben (das ist normal), sondern auch gern nach der ersten Aufführung. Den Premierentermin empfindet er - sicher zum Leidwesen der Intendanten - als ein "virtuelles Datum": Zu diesem Zeitpunkt wird lediglich ein Ergebnis vorgestellt, aber die Arbeit entwickelt sich weiter. Anders als beim Film. "Wenn man sich für das Medium Theater entscheidet, sollte man diese Möglichkeiten auch nutzen", sagt Stemann, der "an diesem Prozess teilhaben, ihn steuern will". Und damit versucht, eine neue Form auf der Bühne zu entwickeln.

Er erinnert sich an einen seiner ersten Auftritte bei "Ulrike Maria Stuart". In der Inszenierung des Elfriede-Jelinek-Stücks liest Stemann zum Schluss einen Text der Literaturnobelpreisträgerin - und trägt auf dem Kopf eine Jelinek-Perücke. Ein bisschen wurde das zum running gag. Stemann, einer der Lieblingsregisseure der Österreicherin, der wie kein zweiter die berüchtigten Textberge der Autorin begehbar macht, zeigt auch in anderen Jelinek-Inszenierungen gern diese Perücke - mitunter als eine Art Skalp.

Bei den "Kontrakten des Kaufmanns", ein Jelinek-Stück zur Banken- und Wirtschaftskrise, ist Stemann dann während der ganzen Vorstellungen dabei, "führt Regie auf der Bühne". Rund viereinhalb Stunden dauert die Aufführung, bei der "75 Prozent improvisiert" sind, erzählt Stemann. "Es gibt den 99-seitigen Text, das Spielprinzip und unterschiedliche Dinge, die wir mit dem Text machen können. Vor der Vorstellung überlege ich mir eine Reihenfolge, manchmal werfe ich die auch wieder um, aber ich kann nicht von den Schauspielern erwarten, dass sie das ohne mich umsetzen. Ich muss schon selbst dafür einstehen." So wie kürzlich, als Stemann 60 Occupy-Aktivisten, die in der Nähe des Thalia Theaters ihr Camp aufgeschlagen hatten, in die Inszenierung holte.

Stemann, Jahrgang 1968, ist einer der innovativsten, spannendsten (und nebenbei auch hurmorvollsten) Regisseure in Deutschland. Was ihm fehlt, ist ein eigenes Haus. Das könnte ihm die Infrastruktur bieten, damit er seinen Weg der ästhetischen Erneuerung fortsetzen kann. Stemann wird derzeit nicht nur in Berlin als Kandidat für eine Intendanz gehandelt. Er würde die Theaterlandschaft der Hauptstadt bereichern, die nach dem angekündigten Abgang von Armin Petras, der das Maxim Gorki Theater im kommenden Sommer verlässt, frische Impulse gut vertragen könnte.

Alles aus einer Hand

Ortswechsel Schlossparktheater: Petra Luisa Meyer ist ausgebildete Schauspielerin, aber auf der Bühne steht sie nicht. Trotzdem wird sie bei der auf dem Roman von Hans Rath basierenden Komödie "Man tut was man kann" im Programmheft gleich viermal erwähnt: Zuständig für Regie, Stückfassung, Bühnenbild und Kostüme. Für die Regisseurin ist das eine ökonomische Arbeitsweise: "Wenn ich das Stück montiere, habe ich die Bühne schon im Kopf und kann Regieüberlegungen einfließen lassen." Und Kostüme "finde ich total wichtig, da mische ich mich ohnehin ein", sagt Petra Luisa Meyer. Nur in der eigenen Inszenierung mitspielen, das wäre ihr zuviel.

Auch Helmut Baumann mag das eigentlich nicht. Obwohl er damit berühmt geworden ist. Baumann, ausgebildeter Tänzer, war früher Intendant des Theater des Westens und musste kurzfristig die Hauptrolle in seiner Inszenierung "La Cage aux Folles" übernehmen. Es "sind zwei total verschiedene Berufe, wenn man das vereinen will, ist es sehr, sehr schwer." Er hat es trotzdem häufiger gemacht, aber "meistens waren die Rollen relativ überschaubar". Die Kollegin Katharina Thalbach bewundert Baumann für ihr doppeltes Engagement: "Die macht das leidenschaftlich gern und die schafft das auch. Mir fällt das schwerer." Wenn er sich zwischen Regie und Spiel entscheiden müsste, würde er den Auftritt vorziehen: "Als Regisseur bin ich für sehr viel verantwortlich, als Schauspieler nur für mich."

Dass beides mitunter schwer zu vereinen ist, musste Regie-Shootingstar Herbert Fritsch (61) bei seiner jüngsten Volksbühnen-Inszenierung erkennen. Eigentlich wollte er in "Murmel Murmel" mitspielen und damit an den Ort zurückkehren, wo er sich als Schauspieler ins Gedächtnis vieler Zuschauer eingebrannt hat. Legendär seine Auftritte in Castorf-Inszenierungen wie der Ibsen-Adaption der "Frau vom Meer", wo er einen 40-minütigen Monolog im Halbdunkel verdammt langsam sprach. Anders als Castorf, der die Form gern auflöst, geht Regisseur Fritsch vor: "Ich suche die Form." In "Murmel Murmel" hätte er "sehr gern mitgespielt, aber da das Stück sehr komplex ist, musste ich meine Aufmerksamkeit auf die Bühne und die Schauspieler richten." Entworfen hat er aber das Bühnenbild - wie fast immer. Er habe "eine Begeisterung für Bilder" - und für Räume mit möglichst wenig Requisiten. Auf sein Comeback als Schauspieler wird man in Berlin nicht mehr lange warten müssen. Er inszeniert bald wieder an der Volksbühne - wahrscheinlich ein weniger komplexes, dafür aber wortreicheres Stück als "Murmel Murmel". Das besteht, da gaukelt der Titel etwas mehr vor, lediglich aus einem Wort.