Deutsche Oper

Auf Schwanenflügeln in den Tenorhimmel

Deutsche Oper: Kasper Holten macht aus Wagners Liebesmärchen "Lohengrin" eine Kriegsoper

Kaum eine Operngestalt sieht man mit größerer Neugier auf die Opernbühne herausschwimmen als Lohengrin, Wagners Schwanenritter. In der Deutschen Oper deckt er seine märchenhafte Herkunft sofort dekorativ auf: Er trägt zwei riesige Schwanenflügel am Rücken. Sie kleiden ihn überwältigend. Der Wundermann heißt Klaus Florian Vogt. Eigentlich sollte ja Marco Jentsch die Titelpartie singen, der ist aber kurzfristig und ohne Angaben von Gründen aus der Produktion ausgestiegen. Vogt aber ist alles andere als eine Notlösung. Wagner hat ihm geradezu eine Leib- und Lebensrente spendiert. Von Kopf bis Fuß ist Vogt der ideale Märchenheld. Und so singt er auch. Er besitzt eine wohlplatzierte Tenorstimme. Sie klingt mitunter geradezu außerirdisch, kann aber auch stabilen Heldentenorglanz entfalten. Vogt singt schlank und ausdrucksstark und wohlverständlich. Damit sind die Grundlagen für den Erfolg der Neueinstudierung gelegt. Sie versteht das Publikum zu beteiligen. Auch die Buhrufkolonnen kommen auf ihre Kosten.

Kasper Holten, der Regisseur, hat aus dem unglücklichen Liebesmärchen Wagners eine Kriegsoper gemacht. Die Armee König Heinrichs scheint singend nach dem Tod auf dem Schlachtfeld zu gieren. Denn damit fängt überraschend die Oper an. Während das Vorspiel sich aus dem Orchestergraben seinen sanften Weg bahnt, öffnet sich der Vorhang über einem Leichenfeld. Der Tod liegt bis zum Schluss der viereinhalbstündigen Aufführung in der Luft. Holten, der Regisseur, lässt, wo er kann, Finsternis heraufziehen. Er trübt immer wieder das Bühnenbild Steffen Aarfings ein, das sich rundum bescheiden gibt. Manchmal sogar zu bescheiden, wie im Hochzeitszimmer des unseligen Brautpaars. Ihm hat man ein mageres Bett in den Raum gestellt, bei dessen Anblick man im Saal wettet, wer von den frisch Getrauten wohl in ihm schlafen wird. Lohengrins Schwan wird's doch nicht sein?

Die zweite große Lust der Aufführung klingt aus dem Orchestergraben. Donald Runnicles versteht das Orchester zu begeistern. Es spielt ausdruckssatt und temperamentvoll, und mit gleichen Kräften wirft sich auch der Chor ins Zeug. Die Aufführung klingt nach Größe. Es ist eine Lust, der Aufführung zuzuhören - wenn auch nicht in allen Partien.

Noch vor Lohengrins erstem Auftritt hat sich schon Bastiaan Everink als Heerrufer die Gunst des Publikums mit seiner frischen, weittragenden Stimme erobert. Die Rolle wird zum Glücksfall für ihn. Das resultiert betrüblicherweise auch aus der altersbedingten Unzulänglichkeit des einst vorzüglichen Albert Dohmen. Er deutet die Rolle des Königs Heinrich nur noch an. Das Publikum lässt es ihn am Ende auf schnöde Art wissen. Aber auch Gordon Hawkins als Telramund gelang es nicht, die Partie von Lohengrins Gegenspieler, außer durch Vollleiblichkeit, auszufüllen. Ricarda Merbeth, als Elsa sich immerfort steigernd, ohne darüber je die lyrische Linie zu verlieren, nimmt durch die Intensität ihrer schutzlosen Lieblichkeit gefangen. Petra Lang als mörderische Intrigantin Ortrud genießt sichtlich und hörbar die Kunst der Intrigen, die sie stimmlich prachtvoll zu steuern weiß.

Also Ende gut, alles gut? Mitnichten. Am Ende, wenn Lohengrin Elsa den kleinen, verschollenen Bruder zurückbringt, erweist er sich als Winzling, verrenkt und mausetot. Das bringt die Zuschauer auf die Barrikaden. Holten und sein Bühnenbildner werden nachdrücklich ausgebuht, dabei haben sie bis auf diesen Fehlgriff vorzügliche Arbeit geleistet. Merke: wer kein Risiko liebt, sollte nicht Oper machen - und auch nicht in die Oper gehen.

Deutsche Oper Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tel. 343 84 343. Nächste Aufführungen: 19. 22. 25. und 28. 4.