Kunstsache

Leinwandparty eines englischen Künstlers

Tim Ackermanns wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Der Karneval ist für mich nicht "die fünfte Jahreszeit", sondern ganz einfach die Pest. Wenn sich andere Leute falsche Perücken und rote Nasen aufsetzen, Polonese nach Blankenese tanzen und dabei "Viva Colonia" singen, dann möchte ich am liebsten den Nervenarzt rufen. Andererseits mag man mich schizophren nennen, weil ich die verordnete Brachialfestivität im richtigen Leben ablehne - und dann den Karneval in der Kunst doch sehr schätze.

Vermutlich hat es damit zu tun, dass Karnevalsbilder so schön bunt sind. Auch auf den Leinwänden von Ryan Mosley, mit denen der Galerist Judy Lybke sein neues "Eigen + Art Lab Berlin" einweiht, strahlen die Farben: Zinnoberrot, Zitronengelb, Neonorange. Vermutlich war dem englischen Maler die Leinwandparty am Ende selbst unheimlich, so dass er das Leuchtfeuer immer wieder schwarz abdunkelte und seine Kostümgestalten stets ein wenig schmutzig erscheinen. Mosleys Bilder sind wie Shakespeare-Stücke: Wenn es gerade besonders fröhlich zugeht, wird in der nächsten Szene garantiert ein Hauptdarsteller den Todesseufzer hauchen. Nun muss man anerkennen, dass Mosley mit seinen Bildern zwischen ornamentalem Hinter- und figurativem Vordergrund dem Thema noch eine neue Nuance abgewinnt. Und dass Judy Lybke mit seiner Eröffnungsschau die erste wirklich gelungene Ausstellung am neuen Kunststandort in der Jüdischen Mädchenschule beisteuert. (Bis 19. Mai, Auguststraße 11-13, Mitte)

Auch Stuart Brisley ist Engländer und auch er hat gemalt, was allerdings etwas überraschend ist. Denn eigentlich kennt man den 78-Jährigen als politisch engagierten Performance-Künstler. Für Aufsehen sorgte Brisley etwa als er 1977 bei der Documenta ein riesiges Loch buddelte, 14 Tage lang in der Grube lebte und dabei mit den Zuschauern diskutierte. Im Vergleich zu dieser Aktion wirken die Aquarelle, die er gerade in der Galerie Exile zeigt, vermeintlich konventionell. Sanfte Hügel mit Feldern sieht man darauf oder eine Lichtung im Wald. Mit der Vorstellung von Idylle, so wie sie die Tradition der englischen Landschaftsmalerei über Jahrhunderte transportiert hat, haben Brisleys Werke jedoch nichts zu tun. Dafür sind sie nicht aufgeräumt genug, wirken zu wenig beschönigend.

Stattdessen hat sich der Künstler entschlossen, das Wahrgenommene möglichst faktisch exakt wiederzugeben. Und so fallen auf den Feldbildern die krummen Furchen und abgemähten Halme auf, die Waldlichtung ist von totem Laub bedeckt und unansehnlichem Unterholz überwuchert. Die Natur, so macht uns Brisley hier klar, bietet keine lauschigen Erholungsspaziergänge von den Zumutungen des zeitgenössischen Daseins, sondern ist so unübersichtlich und unberechenbar wie das Leben selbst. (Bis 29. April, Skalitzer Straße 104, Aufgang A, Kreuzberg)

Eine Ausstellung, die erst am Ende der Woche eröffnet, aber auf die ich jetzt schon sehr gespannt bin, ist "Return to Noreturn" von Dominique Gonzalez-Foerster bei Esther Schipper. Die Französin hat eine Variante ihrer Arbeit "TH.2058" geschaffen, die ich 2008 in der Londoner Tate Modern leider verpasst habe. Es ist die apokalyptische Vision einer klimatisch veränderten Welt, in der es ständig regnet. In Schippers Galerieräumen sollen nun Etagenbetten wie in einer Notunterkunft aufgestellt werden, und es gibt eine Lesebibliothek. In einem zweiten Raum läuft Gonzalez-Foersters Film "Noreturn", in dem eine Gruppe Schulkinder in einer Ausstellung eingesperrt ist. Das alles klingt für mich, als soll hier die Konzeptkunst mit der Ben-Stiller-Komödie "Nachts im Museum" gekreuzt werden, und das Resultat stelle ich mir ziemlich lustig vor. (Vom 21. April bis 19. Mai, Schöneberger Ufer 65, Schöneberg)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien