Ausstellung

"Ich war süchtig nach dem Rattern des Express-Zuges"

Der Magnum-Fotograf Bruce Davidson zeigt bei C/O das Leben in der New Yorker "Subway"

Es sind sechs große Buchstaben. Sie stehen für einen Mythos, je nach Gemütslage und Existenzform für Versprechen oder Untergang: Subway, so heißt die New Yorker U-Bahn mit ihren 26 Linien, die mobile Schneisen schlagen im weitverzweigten Untergrund von Big Apple. Ein Ort des Übergangs als Vexierspiegel dieser Stadt - da unten in den engen, stickigen Tunnelhöhlen trifft sich alles, Obdachlose, Junkies, Geschäftsleute, Einsame, Musiker, Touristen, Transvestiten, Pelz-Damen von Welt oder solche, die es gerne wären. Hier stößt Leere auf Überfüllung, Uniformität auf Paradiesvogel-Mentalität, Depression auf Kreativität.

Hier erfährt man in wenigen Minuten oft mehr vom Leben als nach 32 Semestern Psycho-Soziologie. Literaten finden genügend Stoff für ihre Romane. Für John Wrays Protagonisten in "Retter der Welt" ist die New Yorker Bahn so etwas wie eine geheime Offenbarung: "Wir haben hier nichts mitzureden... Wir können weder die Geschwindigkeit beeinflussen noch die Reihenfolge der Stationen. Das einzige, was wir selbst entscheiden können, ist, ob wir aussteigen wollen oder nicht."

Der US-Magnum-Fotograf Bruce Davidson sieht in diesem Transportmittel den "großen sozialen Gleichmacher". So stieg er Anfang der 1980er Jahre hinab in den Moloch mit seinen 468 Bahnhöfen. Spätnachts oder ganz früh morgens machte er sich auf die Socken. "Ich war süchtig nach U-Bahn", gesteht er, wenn er das Rattern des Expresszuges hörte, der unter seiner Wohnung hindurch fuhr, fühlte er sich "wie ein Wehrwolf bei Vollmond."

Menschen in ihrem urbanen Kontext, das war von Anbeginn sein Thema. Etwa die großspurigen Machos einer Gang in Brooklyn, später die Bewohner eines räudigen Wohnblocks in East Harlem, oder der Central Park mit seinen teilweise skurrilen Nutzern. Und dann eben die Subway. Allerdings war diese in den Achtzigern noch ein ziemlich düsteres Pflaster. Überfälle, Tunnelfeuer, Dealer und Schmutz gehörten zur Tagesordnung. Graffiti, damals noch nicht als Streetart geadelt, deckte die grauen Züge flächendeckend mit wüsten Hieroglyphen ab. Wie Kriegsbemalung! Zwei Millionen Menschen täglich wurden über 337 Streckenkilometern durch die City geschleust. Erst seit Bürgermeister Giuliani als Verfechter von "law and order" in den Neunzigern anrückte und rabiat gegen Kriminalität vorging, gilt das Transportmittel als relativ sauber und sicher.

Erstmals in Berlin, ja in Europa, präsentiert Davidson, Jahrgang 1933, nun diese "Subway"-Serie. Ein Langzeitprojekt, das ihn etwa fünf Jahre beschäftigte. Die anderen fünf Sets befinden sich in Museen und Privatsammlungen. Das Schöne an der Ausstellung bei C/O in der alten Turnhalle ist, dass man die Fotografien so linear ablaufen kann, als sähe man einen Film an der Wand. Der Besucher kann sich in ein New York zurückträumen, welches es heute so nicht mehr gibt. Es sind die menschelnden, unspektakulären, zuweilen exzentrischen Gesten, die diesen Zyklus als Short Story interessant machen. Der Mann im knappsten blauen Sportoutfit mit der schwarzen Porzellankatze in der Hand. Sie hat einen überdimensionierten Hals. Wohin fährt er bloß mit dem Ding? Dann die Mexikanerin, die sich auf ihrem Klappstuhl rekelt, als säße sie bei 40 Grad im Paradiesgärtlein ihrer Datscha.

Zuerst fing Davidson an, in Schwarzweiß zu fotografieren, wechselte bald zur Farbe. Diese, so sagt er, würde sich zusammen mit dem Blitzlicht auf dem kühlen Stahl der Waggontüren zu einer ganz bestimmten Atmosphäre verdichten. Dabei gelangen ihm besondere Perspektiven, etwa der Blick aus einem zersplitterten Waggonfenster der Hochbahn hinaus auf die verschneite Skyline von New York. Das sieht dann aus, als würden Kristalle leuchten wie eine große Sonne.

Als Davidson damals mit der Kamera durch die dunklen Katakomben streifte, kam er in Gefahr, selbst schnell zum Opfer zu werden, allein deshalb, weil er mit dem Blitz Leute aufschreckte, die man eigentlich lieber in Ruhe lässt. Wann immer er konnte, oft war es schwarz in den vollgestopften Zügen, vermied er die Belichtung. Ein Schweizer Taschenmesser und ein paar Dollarscheine in der Hosentasche für Bettler und Diebe waren sein einziger Schutz. Da gab's durchaus brenzlige Situationen, wie die Knarre am Kopf eines Mannes zeigt. Die Situation lässt sich aufklären. Ein Undercover-Agent, den Davidson kannte, konnte mit Waffengewalt einen Kriminellen festsetzen.

C/O Berlin, Oranienburger Straße 35/36. Mitte. Tel. 28 44 4160. Bis 6. Mai. Tgl. 11-20 Uhr. Katalog (Steidl): 48 Euro.